Die darstellenden und die bildenden Künste. 207
wendet; weit entfernt ist man noch von der Ausnützung ihrer
spezifischen Klangeigenschaften zur Charakteristik des Tones;
schon der unfertige Zustand, in dem sie sich befanden, die Un—
reinheit der Tongebung, der Mangel an Fähigkeit, sich präzise
stimmen zu lassen, verbot das. War damit die Kunstmusik,
wie sie anfangs fast ganz allein der Kirche angehörte, nicht
minder als die weltliche Volksmusik durchaus auf die mensch⸗
liche Stimme als Tonwerkzeug hingewiesen, so behandelte sie
diese Stimme auch genau wie die Volksmusik und aus den⸗
selben Gründen der tieferen psychischen Disposition eines Zeit⸗
alters gebundener Persönlichkeit heraus grundsäßzlich als Ver⸗
mittlerin noch überwiegend physikalisch empfundener, nicht
seelisch belebt gedachter und demgemäß modiftzierter Töne.
Und indem dies die allgemeine Disposition war, wurde damit
allmählich in sehr merkwürdiger Art die Anknüpfung an die
musikalischen UÜberlieferungen der Alten gefunden.

Das musikalische System der Alten ging in erster Linie
auf musikalisch⸗mathematische Spekulationen der Griechen zurück,
wie sie sich anfangs sogar noch mit astrologischen Spielereien
eines primitiven Pandynamismus verbunden hatten: neben der
Einordnung der Töne in das arithmetische System waren deren
Beziehungen zu den Planeten und anderen Himmelskörpern
erörtert worden. Vermittelt wurden diese Spekulationen dem
Mittelalter in ziemlich reiner und abgeklärter, wenn auch mit
eigenen Gedanken vermischter Gestalt durch die fünf Bücher
D sastitutione musicas des Boetius (J 526). Und das
Mittelalter hat sie dann ungefähr in dem Sinne aufgenommen,
in dem fie zunächst doch durch die Pythagoräer, also im
griechischen Mittelalter, begründet worden waren; das seelische,
a das künstlerische Element trat zurück, und die Theorie der
Musik erschien als eine auf die Tonverhältnisse übertragene
Zahlenlehre.

Und der Theorie ging allmählich eine entsprechende Praxis
zur Seite. Die Töne wurden wesentlich nur in den physikalischen
Eigenschaften verschiedener Höhe, doch unter Ausschluß des
Überspringens größerer Intervalle, zur Belebung der kirchlichen