208 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Rezitation ausgenützt: so ergab sich eine Art von Psalmodieren,
die Papst Gregor der Große (590-604) einem festen litur—
gischen System einordnete. Dies System, die unabänder—
liche musikalische Richtschnur der alten Kirche bis ins 17. Jahr⸗
hundert hinein, ist dann durch Pippin, Bonifatius und Karl
den Großen ins Frankenreich übertragen worden, wo es dem
musikalischen Vermögen der deutschen Stämme im ganzen ent—
sprochen haben mag. Es lassen sich in ihm schließlich Teile
im Sinne eines bewegteren Lesevortrages von solchen unter—
scheiden, wo die stärkere Anwendung von Intervallen schon den
Eindruck des Melodischen hervorruft: doch fehlt noch jede
Messung der Noten gegeneinander und somit auch jedes musi—
kalische Taktsystem; Dauer und auch Akzent der Töne werden
vielmehr durch den gesprochenen Wort- und Verstakt bestimmt.

Aus diesen musikalisch-liturgischen Teilen, die man später
im allgemeinen Cantus fixrmus nannte, entwickelte sich dann,
wohl unter den Einflüssen des volkstümlichen Einzelsingens,
sehr bald die ebenfalls noch unisone Sequenz, indem die jubi—
lierenden Kadenzen des Amen, Kyrie, Hallelujah am Schlusse
gewisser Teile der Messe in die Länge gezogen und schließlich
zu einer eigenen Kunstform ausgeschieden wurden: schon Notker
hat im 9. Jahrhundert Gedichte hymnischen Charakters von
hochstehendem literarischen Werte für diese neue musikalische
Form gedichtet. In der Sequenz wurden nunmehr die Inter—
valle weiter gegriffen und häufiger angewandt; da, wo der
Sprung von Ton zu Ton besonders stark war, ließ man sich
wohl in figurenreichen Melismen hinauf oder herab; und auch
sonst wurde die neue Form ie länger je lieber mit Figuren
verziert.

Allein lange bevor man, vornehmlich seit dem 12. Jahr—
hundert, für die Sequenz diese immer freiere Behandlung er⸗
reichte, war der Versuch gemacht worden, aus der Monodie
herauszugelangen, indem man in den melodiösen Teilen des
Cantus firmus mehrere Einzelstimmen in gesonderter Stimm⸗
führung gegen- und übereinander baute. Geschah das zunächst
wohl nur mit zwei Stimmen, so entstand der Discantus, das