Die darstellenden und die bildenden Künste. 209
Auseinandersingen, wobei sich jede Stimme selbständig bewegte,
man aber im allgemeinen doch einen möglichst harmonischen
Gesamteindruck zu erzielen suchte. In der weiteren Entwicklung
trat dann an Stelle der zwei Stimmen eine wahre Vielheit
von Stimmen, eine Polyphonie von vier, fünf und noch mehr
Tonreihen, deren jede sich in absoluter Selbständigkeit gegen⸗
über der anderen bewegte, nur daß nach wie vor eine an—
genehme, also harmonische Totalwirkung erstrebt wurde. Das
ist die Entstehung des Kontrapunkts, des Setzens der einen Note
gegen die andere, des punctus contra punctum: der Kontra-—
punkt ist das vollendetste Erzeugnis einer gebundenen Musik,
welche die Töne noch als physikalische Einheiten gegeneinander
marschieren und exerzieren läßt, während die Individualisierung,
die Beseelung des Tones zurücktritt: ihm steht alle neuere
Musik gegenüber, insofern sie auf der Harmonie beruht, das
heißt auf der harmonischen Begleitung einer Hauptmelodie,
welche eben durch diese Begleitung beseelt und charakterisiert
werden soll.

Der Anfang, richtiger eine Vorstufe des Kontrapunkts,
das sogenannte organum, eine Begleitung der Melodiestimmen
in Oktaven- oder Quinten- oder Quartenparallelen, reicht bis
ins 10. Jahrhundert (ca. 970) zurück; sie wurde bisher gern
an den Namen des Mönches Hucbald von St. Amand (ca. 840
bis 930) geknüpft und führt jedenfalls nach Flandern und nach
den Niederlanden, in Gegenden, die für die deutsche Musik—
geschichte von nicht minder großer Bedeutung gewesen sind, wie
für die Geschichte der Malerei. Um 1800 etwa kann man die
Vollendung des Systems des vollen Kontrapunkts setzen; seine
virtuose Durchbildung hat er dann im 15. und 16. Jahr⸗
hundert erlebt. Von da ab reicht er fort bis zur Gegenwart
— Johann Sebastian Bach war vielleicht sein größter Meister —:
allein nun wird er seelisch ganz anders belebt, und Bach ge—
winnt eben durch den denkbar subjektivsten Gebrauch der denk⸗
bar objektivsten musikalischen Ausdrucksform, durch die merk—
würdige Verbindung von Gefühl und Norm, von Pietismus
und Orthodoxie seine einzigartige Stellung in der Musik—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 14