Die darstellenden und die bildenden KRünste. 211
gegeneinandergestellt wurden, wurde die Musik immer mehr ein
mathematisch⸗musikalisches Gewebe. Die eigentlich schöpferische,
der Melodie zugewandte musikalische Erfindung trat demgemäß,
soweit sie etwa schon vorhanden gewesen war, wieder mehr
zurück: auf die glänzende, verwegene Führung der Stimmen
innerhalb eines gegebenen Themas, auf einen freilich von einer
bestimmten Idee beherrschten, von einem bestimmten Kernmotiv
her geregelten Eiertanz gleichsam der Töne kam es an. So
behandelte man fremde Melodien, nicht selten solche des Volks⸗
liedes, kontrapunktisch; und das war noch der günstigere Fall.
Im ungünstigeren entnahm man das Thema etwa einer Ton⸗
schilderung äußerer Ereignisse, die weit realistischer zu sein
pflegte als die Programmmusik der Gegenwart, oder man setzte
Mufiken über das Wappen irgend eines Mäcens oder schrieb
Fugen über Gebäude, Berge und Flüsse. Damit wurden denn
wenigstens in den virtuosesten Stüucken die Beziehungen, die die
Kunstmusik früher etwa noch zur seelischen Ausdrucksfähigkeit
gehabt haben mochte, vielfach unterbunden, und das Übermaß
der Berechnung führte schließlich leicht zur Entseelung nicht
nur, sondern auch zur Verwilderung der Kunstformen. Das
alles freilich schloß in anderen Fällen eine mehr individuelle,
auch das Seelische stärker berücksichtigende Umbildung dieser
Kunst im 16. Jahrhundert nicht aus. Es ist derselbe Wandel,
der sich auch in der freundlichen Wiederbelebung der gotischen
Zierformen und in der genrehaften Umbildung starrerer Motive
der früheren Malerei im 16. Jahrhundert verfolgen läßt.
Übrig aber blieb von der alten Musik als wertvoller Nachlaß
für äine veränderte Fortentwicklung im ganzen und vor allem
doch nur ein großer Reichtum an Tonformen, eine ausgezeichnete
Beherrschung der technischen Seite des Gesangs, eine aus der
Praxis der kontrapunktischen Mensuralmusik abgeleitete, ein⸗
gehend entwickelte Musikwissenschaft und eine erstaunliche Frei⸗
heit und Gewandtheit des kontrapunktischen Könnens.
Geblüht hat diese spätmittelalterliche Kunstmusik, wie sie
der Hauptsache nach durchaus noch Kirchenmusik und ihrem
Wesen nach Vokalmusik war, vor allem in den Niederlanden;
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