212 J Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
hier haben vom Beginn des 15. bis zur Mitte des 16. Jahr⸗
hunderts ihre großen Meister gelebt: ein Dufay, der den Ruhm
ber niederländischen Kunst bis in die päpstliche Kapelle zu Rom
trug, dann Jan Okeghem, der „Patriarch des Kontrapunkts“,
ferner der Utrechter Jakob Obrecht. Mit Josquin de Pres
(7 1521) und Nikolaus Gombert (F nach 1556) tritt dann
schon die Nachblüte dieser Kunst ein; die kirchliche Tätigkeit
des Brügger Meisters Adrian Willaert (Messer Adriano) zu
Venedig (1527 - 1562) bedeutet ihren Abschluß.

2. In der Zeit aber, da im Mensuralgesang der eigentlich
mittelalterliche Charakter der Musik in verstandesmäßiger Über⸗
treibung der kontrapunktischen Prinzipien zugrunde ging, hatte
sich schon seit etwa vier Jahrhunderten eine weltliche Kunst⸗
musik entwickelt und, obwohl anfangs aus der geistlichen Kunst⸗
musik guten Teiles hervorgehend und lange Zeit von ihr noch
maßgebend beeinflußt, dennoch schließlich eine Wendung ge⸗
nommen, die zur immer stärkeren Betonung des Melodischen,
somit zur Beseelung und hiermit zur Musik eines individua—
listischen Zeitalters hinüberleitete.

Ihre Anfänge führen auf die fahrenden Kleriker und die
Spielleute der großen Jahrzehnte unserer mittelalterlichen
Dichtung, in die Zeiten Kaiser Friedrichs J. zurück. Diese
sangen, soweit sich aus der bis zu Komponisten des Endes des
12. Jahrhunderts zurückreichenden Überlieferung schließen läßt,
ihre Lieder und Sprüche in der nur mehr ins Weltliche ge⸗—
wandten Art des Cantus firmus und der Sequenzen. Aber
in dieser Art wurden sie allmählich kühner und freier: der
Wechsel der Intervalle wurde, wenn nicht größer, so doch leb⸗
hafter, der Zug ins Melodiöse nahm zu, und auch das Figuren—
werk ward dem Ausdrucke der Stimmung dienstbarer gemacht
als in der Kirche. So zeigt uns z. B. ein Lied des Peter
von Reichenbach aus schon späterer Zeit, das in der Kolmarer
Liederhandschrift erhalten ist, trotz aller Verwandtschaft mit den
kirchlichen Kunstformen einen Wechsel der Gefühlsmomente je