Die darstellenden und die bildenden Künste. 213
nach dem Einzelsinne des Liedes und ein Pathos in der
seelischen Durchdringung der allgemeinen Stimmung, das auf
kirchlichem Boden wohl unerhört und gewiß auch bei dem ob⸗
jektiven Charakter der Kirchenmusik unzulässig war: im 14. Jahr⸗
hundert jedenfalls hatte man sich von den kirchlichen Formen
losgerungen.
Und nun blieb es auch nicht mehr bei der alten Monodie.
Indem man aber zur Vielstimmigkeit fortschritt, ergab sich
bald, daß die Kontrapunktik des Mensuralgesanges auf welt⸗
lichem Gebiete nicht eigentlich national und im Sinne einer
ins weiteste verbreiteten musikalischen Kunstform zunächst auch
nicht volkstümlich werden konnte. Gewiß hat man Versuche
mit ihr gemacht; vor allem auf dem Gebiete der im 14. Jahr⸗
hundert vielfach ineinanderspielenden Arten des geistlichen Liedes
Ind des volkstümlichen Kirchengesanges lassen sie sich wahr⸗
nehmen; auch gibt es Übergänge zwischen den in strengster
kirchlicher Kunstform kontrapunktisch behandelten Volksmelodien
eines Dufay oder Okeghem und dem von unten her kontra⸗
punktischer Polyphonie zustrebenden Volkslied. Allein das Be—
dürfnis, welches das weltliche Lied als Kunstform hatte, wurde
auf diese Weise nicht befriedigt. Seinen Sängern und Kom—
ponisten kam es nicht auf geistvolle Variation objektiver Töne
an, sondern auf Beseelung. Und hier gab es in diesen Zeiten
nur zwei Mittel, vorwärts zu gelangen: entweder die Be⸗
seelung der Individualstimme oder aber die Harmonisierung
der Melodie, die Begleitung der Melodie durch Akkorde, deren
besondere Klangfarbe geeignet war, die Melodie genauer zu
charakterisieren. Von beiden Mitteln war das erste seinen
inneren, seelischen Voraussetzungen nach das weitaus schwierigere;
und es setzte eine Modulauonstechnik der menschlichen Stimme
voraus, die durch den Mensuralgesang keineswegs begünstigt,
vielmehr unterdrückt worden war. So blieb nur das zweite
Mittel übrig. Und auf diesem Gebiete war durch das einfache
Volkslied wohl schon vorgearbeitet. Wie dem auch sein mag: im
15. Jahrhundert wird der dreistimmige Gesang, bei dem der
Tenor 13 Träger der Melodie von einer vox alta und einer