214 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
vox bassa oder einem Kontratenor umrahmt wird, schon zum
Typus des weltlichen Kunstgesanges; so finden wir ihn bereits
in dem sogenannten Lochheimer Liederbuch (1452 ff.). Und
schon nach wenigen Generationen weicht er einer noch volleren
Form, dem Quartett: nun werden, entsprechend den zwei
Männerstimmen, auch die Oberstimmen auf zwei erhöht, und
ein Ausdrucksmittel der Stimmung wird damit gewonnen, das
sich durch den Lauf vieler Jahrhunderte als klassisch be—
währen sollte.

Die ersten großen Meister des vierstimmigen Satzes, wie
er sich zunächst noch immer gern an Volksmelodien anschloß,
indem er sie in seiner Art ebenso wie die Mensuralmusik in
ihrer Art verarbeitete, sind zwei Kapellmeister Kaiser Maxi⸗
milians J. gewesen: der Hennegauer Heinrich Isaak und sein
Schüler Ludwig Senfl.

Aber die weltliche Kunstmusik begnügte sich bald nicht
mehr mit der Harmonisierung des Volksliedes: während sie
einerseits den kirchlichen Mensuralgesang in seiner weltlichen
Abart noch pflegte, schritt sie anderseits kühn und hoffnungs-—
reich zu kunstmäßigen liedartigen Kompositionen eigener Er⸗
findung fort, die neben die alten gesangreichen und rhythmisch
feingliederigen Melodien des Volksliedes traten und wie diese
harmonisiert wurden. Die Bewegung in dieser Richtung ging
von den beiden großen geistigen Strömungen aus, in denen
das neue individualistische Zeitalter sich Bahn brach, von der
Renaissance und von der Reformation; und ihre klassischen
Schöpfungen sind Madrigal und Choral.

Die Bewegung auf dem Gebiete der Renaissance verfolgte
in Deutschland den Gedanken, mit den Dichtungen der Alten
auch deren Musik wieder zu erwecken. So legte man horazischen
Oden, dann auch anderen antiken und bald auch modernen
metrifchen Gedichten liedartige Melodien unter, deren Rhythmus
dem Metrum des Versbaues entsprach; vierstimmig gesetzt, in
den herben Quart- und Quintengängen der Zeit sich be—
wegend, machen sie auf das moderne Ohr den Eindruck eines
im Rhythmus abgewandelten Chorals. Petrus Tritonius ist