216 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Kontrapunktik, entsprechend dem Ausgang dieser Bewegung
vom Volksliede und der Tendenz, immer mehr kunstmäßig zu
werden, so ist die Entwicklung des kunstmäßigen geistlichen
Liedes genau die umgekehrte. Von der Kirche ausgehend ist
der Choral zuerst kontrapunktisch behandelt worden, um später
volksmäßiger zu werden und immer mehr den harmonischen
Satz zu bevorzugen. Es liegt in dieser gegensätzlichen Ent—
wicklung begründet, daß das Madrigal allmählich abstarb,
während der Choral noch heute lebt und der vierstimmige
harmonische Satz die verbreitetste Form kunstmäßiger mehr⸗
ftimmiger Behandlung des Liedes geworden ist: der Harmonie
strebte die Entwicklung zu und nicht der Kontrapunktik. Zu—⸗
gleich aber zeigte sich in der Geschichte des Chorals, daß die
Reformation eine große volkstümliche Erscheinung war, die
Renaissance nur eine begrenzt gesells chaftliche.

Die Melodien der ältesten Choräle wurzelten durchaus
im Hymnengesang und im weltlichen und geistlichen Volksliede
des Mittelalters: die Hyumnen und Sequenzen wurden nur
volksmäßiger, ihr Rhythmus bewegter; die weltlichen Melodien
—D ernsteren Ton, wie z. B. aus
dem alten, von Heinrich Isaac herrlich harmonisierten Wander⸗
burschenliede „Inspruck, ich muß dich lassen“ nunmehr „O Welt,
ich muß dich lassen“ und später „Nun ruhen alle Wälder“
wurde, oder Paul Gerhard auf die Melodie des Liedes „Mein
G'müt ist mir verwirret, das macht ein Mägdlein zart“ sein
inniges „Befiehl du deine Wege“ dichtete. Der Melodienschatz
der geistlichen Volkslieder des Mittelalters endlich wurde in
seinen schönsten Perlen einfach herübergenommen: von hier
stammen z. B. „Christ ist erstanden“ und die Pfingstlieder
„Komm heiliger Geist, Herre Gott“ und „Nun bitten wir den
heiligen Geist“.

Diese Melodien wurden nun anfangs ganz im Geiste
einer einfachen, ruhigen und ernsten Kontrapunktik behandelt;
es war dabei nicht eigentlich an Gemeindegesang, sondern an
kunstreichen Chorgesang gedacht, wie die 88 deutschen und
fünf lateinischen Lieder in dem ersten evangelischen Geistlichen