Die darstellenden und die bildenden Künste. 217
Gesangbüchlein des Torgauer Kapellmeisters Johann Walther
beweisen, das 1524 unter Luthers Augen zu Wittenberg er—
schienen ist. Und energisch ging man daran, in den pro⸗
testantischen Gemeinden Organe zur Ausübung dieses Gesanges
zu schaffen. Schon das 15. Jahrhundert hatte hier und da
Kantoreien, geistliche Gesangsgenossenschaften unter kirchlicher
Führung, gekannt; jetzt wurde nach dem Muster einer in Torgau
geschaffenen Gemeinschaft für derartige Einrichtungen weithin
gesorgt. Jahrhunderte hindurch sind die auf diese Art be—
gründeten Kantoreien Pflegerinnen des kunstgemäßen protestan⸗
tischen Kirchengesanges geblieben und wirken in diesem Sinne
in der Umgegend Wittenbergs und hier und da zerstreut in
sächsischen Landen noch heute fort.

Der kontrapunktische Satz der ältesten Choräle verlegt nun
die Melodie noch fast niemals in die Oberstimme und schließt
daher eine leichte Verfolgung der Melodie durch des Kunst—⸗
gesanges Unkundige und damit die Teilnahme der Gemeinde
am Gesange so gut wie ganz aus. Es war eine Form, die
dem mittelalterlichen Empfinden noch sehr nahestand und der
seelischen Vertiefung, welche Inhalt und Konfession jetzt
mehr als früher forderten, vielfach geradezu entgegentrat. So
mußte sie schon aus der Entwicklung des protestantischen Geistes
heraus über kurz oder laug fallen. Indem aber zugleich der
Anspruch der Gemeinden auf persönliche Teilnahme am Gottes⸗
dienste wuchs, war auch der Weg gegeben, in dem sich die
Umbildung vollzog: die Melodie mußte durchaus zur führenden
Stimme werden, so daß ihr gegenüber die anderen Stimmen
nur als Träger der Harmonie erschienen, und die Gemeinde,
indem sie die führende Stimme erkannte, in die Lage kam,
diese unisono mitzusingen. Indem sich nun die Musiker seit
Senfl und Ducis, den ersten großen Meistern des figurierten
Chorals, in den Choralbearbeitungen immer mehr in diesem
Sime einrichteten, und indem die kontrapunktische Kunst die
Melodie als Grundstimme immer mehr weit eher zu tragen

begann als zu verdecken und so⸗ihren Ausdruck durch Dar—
legung des harmonischen Inhaltes verstärkte, begann der Ton⸗