218 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
satz langsam aus dem polyphonen Kontrapunkt in den har—
monischen Satz überzugehen, mehrte sich von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt die Möglichkeit tiefsten, keuschesten und zugleich ein⸗
fachsten musikalischen Ausdruckes. Es ist die Bewegung, in
der der mehrstimmige protestantische Choral zu jener Macht
über die Herzen gelangt ist, die ihm noch heute eignet.
Indem nun aber die Melodie in den Vordergrund trat,
ging die musikalische Erfindung, bisher fast ausschließlich der
kontrapunktischen Ausgestaltung zugewandt, zum ersten Male
ernstlich über den hergebrachten Melodienvorrat hinaus und
erprobte sich auf dem Gebiete des Melodischen in eigener, aus⸗
gedehnter Tätigkeit. Es war eine Anregung persönlicher
Schaffenskraft, die bald nicht mehr auf den bloßen Choral be⸗
schränkt blieb, die weitergriff und die ersten primitiven Formen
größeren protestantischen Kirchengesanges hervorrief. Ihr ver⸗
danken wir so ergreifende Gesänge, wie das Ecce quo-
modo moritur justus des Jakobus Gallus (Händl) und die
feinfühligen und doch kräftigen Kompositionen Hans Leo Haß⸗
lers (f 1612), — und aus ihrer Entfaltung heraus schuf
Johannes Eccard (f 1611) bereits die neue Form des geist⸗
lichen Festliedes, eines Mitteldinges zwischen Choral und Motette.

3. Inzwischen aber, während auf weltlichem Gebiete vor⸗
nehmlich das Madrigal, weit energischer und folgenreicher aber
auf geistlichem Gebiete der Choral der Monodie unter Be⸗
gleitung sei es einer kontrapunktischen Polyphonie, sei es einer
harmonischen Mehrstimmigkeit Seele und individuelles Leben
zu verleihen suchten, hatten sich noch andere Wege zu finden
begonnen, auf denen man zu noch stärkerer Betonung der
seelischen Intensität der Musik zu gelangen vermochte, um sie
ganz zum Ausdrucksmittel des neuen individualistis chen Fühlens
des 16. Jahrhunderts zu machen. Sie waren im wesentlichen
doppelter Art; sie verwiesen auf die Entwicklung der Instru⸗
mentalmusik und auf die Durchbildung des Gesanges der ein—
zelnen menschlichen Stimme zur schärferen Charakteristik musi—