222 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
besonderer Bewegungen und Klangfärbungen zu charakterisieren,
und sie leiteten ihn zugleich ein und unterbrachen ihn durch
selbständige Instrumentalsätze. Solche Sätze nannte man im
allgemeinen Symphonien. Es ist klar, daß es von hier nicht
mehr weit war bis zur Verselbständigung der Instrumental⸗
musik, die sich dann, entsprechend den zyklischen Formen der
alten unkünstlerischen Tanzreihen, auch ihrerseits zyklische
Formen, ständige Reihen in besonderem Verhältnis zueinander
flehender Instrumentalsätze ausbilden mußte.

Gleichwohl hat es noch lange gedauert, ehe dieser Weg mit

stetigem Erfolge im Sinne einer gewaltigen vorwärtstreibenden
Entwicklung beschritten ward. Eine musikalische Gefühlswelt
völlig und ohne Zuhilfenahme des Wortes und Gesanges allein
durch die reichgegliederten Töne eines Chors wechsel- und
klangreicher Instrumente zum Ausdruck zu bringen: das ist eine
Aufgabe, die erst das neue Zeitalter des Subjektivismus nach
der Mitte des 18. Jahrhunderts vollends gelöst hat; noch kaum
Bach und Händel ganz trotz seiner Concerti grossi, erst Haydn
und Mozart und vor allem Beethoven sind ihre Meister geworden.
Denn die Beherrschung der Tonwelt der Instrumente in diesem
Sinne setzt das widerhallende Gefühl stürmender Leidenschaften
im eigenen Busen und die ganze reiche Vorstellung von der
Persönlichkeit als eines Schauplatzes unendlich abgestufter
Empfindungs⸗ und Gemütsvorgänge voraus, die das Zeitalter
des Individualismus in diesem Sinne noch nicht besaß. Und
so ist die Instrumentalmusik zu ihren höchsten Leistungen, bis
zum Verschlingen der menschlichen Stimme, die dem vollen
Schwall der neuen Empfindungen nicht mehr gerecht zu werden
schien, erst im 19. Jahrhundert entwickelt worden; und die
Wende des 16., sowie die ersten Jahrzehnte des 17. Jahr⸗
hunderts haben sich mit der Ausbildung der Instrumental⸗
musik zunächst und wenigstens in Deutschland doch nur im
Sinne einer Begleitungsmusik zum Gesange, und soweit die
Instrumentalmusik selbständig wurde, immer noch zumeist mit
entsprechender Reproduktion der Typen der Vokalmusik be—⸗
znügen müssen.