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Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
in der hessischen Hofkapelle wie in Italien durch den Venezianer
Gabrieli musikalisch gebildet, später die längste Zeit seines
reichen Lebens hindurch, 1615 1672, in kursächsischem Dienste,
seit 1617 als Meister der großen Dresdener Kapelle.

Schützens Werke kamen verhältnismäßig erst spät an die
Offentlichkeit: so seine Heiligen Symphonien 1629, 1647 und
1650, seine Geistlichen Konzerte 1636 und 1639, seine Mo—
tetten 1648; von seinen dramatischen Kirchenwerken, den Vor⸗
läufern des späteren großen deutschen Oratoriums, sind die
Sieben Worte Christi am Kreuze 1645, die vier Passionen
nach den Evangelisten gar erst 1666 herausgekommen.

Um so reifer ist, was sein Genius in ihnen bietet.
Schon in seinen Symphonien, gesanglichen Kompositionen mit
Instrumentalbegleitung, erscheint der Einzelgesang ausdrucks⸗
voll belebt und gibt nicht bloß die Grundstimmung klar und
entschieden wieder, sondern auch die einzelnen Phasen und
Modifikationen der Empfindung. Damit ist das Mittel ge—
funden, den Hörer nicht einfach in einer Stimmung ruhen zu
lassen, sondern ihn mit fortzureißen zum dramatischen Mit—
erleben des Dargestellten. Wesentlich zu diesem Erfolge tragen
auch schon die Instrumente bei, deren stärkere Betonung wohl
auf italienischem Einflusse beruht; der Gesang baut sich über
mehr als einer einfachen Baßstimme auf; die Begleitung ist
obligat; die Instrumente zeigen eigene, neben den Sing—
ftimmen hergehende Motive oder führen den Hauptgedanken
mit ihnen wechselweise durch.

uͤbertroffen aber werden die Symphonien wie auch die
Konzerte und Motetten Schützens durch die großen Werke der
Spatzeit, deren eines Schütz einmal nicht eigentlich als Kirchen⸗
musik, sondern als „um die österliche Zeit in fürstlichen Kapellen
oder Zimmern ꝛc. zu gebrauchen“ bezeichnet hat: zum Beweise
dafür, daß er den gebundenen Kirchenstil der älteren Zeit ver⸗

worfen und einen neuen Weg veränderter musikalischer Aus⸗
drucksmittel und schärferer Charakteristik musikalischer Stim⸗
mungen beschritten hatte, wie er dem altheiligen Raume der
Kirche noch nicht angemessen erschien. Von diesen großen