Die darstellenden und die bildenden Künste. 231
vorwärtsdrängende Entwicklung auch der Dichtung einen neuen
Anstoß geben?

Waͤr werden sehen, daß sich die Dichtung des 16. bis
18. Jahrhunderts entwicklungsgeschichtlich besonders den satiri⸗
schen und dramatischen Problemen zuwandte!. Gewiß ist auch
die Lyrik gepflegt worden: neben den Choralmelodien der pro⸗
testantischen Kirche stehen zum Beispiel, um vorläufig nur
eines Momentes zu gedenken, nicht minder tiefe, ergreifende
Texte. Aber im ganzen begann das Gebiet des intimsten
Gemutslebens doch der Musik zuzufallen. Die Zeit hatte
rationale Neigungen, und je länger je mehr wandte sich die
Dichtung, der Prosaliteratur schon durch das Ausdrucksmittel
des Wories verwandt, den Aufgaben einer Darstellung mehr
der Willens⸗- und Verstandesseite des Menschenlebens zu.

Daher begreift es sich, daß zunächst eine ganze Anzahl
älterer Richtungen der Dichtung, die weniger rationaler Natur
waren, verfielen oder ins trocken Verständliche umgemodelt
wurden: so der Meistersang als Nachfolger der höfischen Lyrik,
das Volkslied älteren Charakters und auch der Ritterroman,
insofern er aus den Epen des 12. und 18. Jahrhunderts und
aus der französischen Einfuhr des späteren Mittelalters hervor⸗
gegangen war. Es war ein Vorgang, der sich schon im
15. Jahrhundert vorbereitet hatte, in jener Zeit, in der die
Kunst der Architektur zum Virtuosentum abstarb, der Mensural⸗
gesang zum künstlichen Spiel mit Tönen erstarrte und in der
Scholastik Systeme des Systems halber errichtet wurden: das
erste Aufdämmern intellektualistischer Weltanschauung, das dem
Rationalismus des 16. bis 18. Jahrhunderts voranging, hatte
mit den älteren literarischen Formen, soweit sie ihm nicht ent—
sprachen, schon gründlich aufgeräumt.

Fand in dieser Hinsicht das 16. Jahrhundert, so sehr es
nach anderen Seiten hin die literarische Überlieferung fort—
setzte, bereits ziemlich reinen Tisch vor, so begann es ander—

Dieser Abschnitt ist von hier ab schon gebruckt in ‚ Nord und Süd“,
Heft 304 (1899).