2832 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
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sprachlichen Grundlage. Man weiß, welchen großen Momenten
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späteren Mittelalters, mochte er nun wirtschaftlichen Charakters
sein und tausend wirre Fäden dicht verflochten von Stammes—
gebiet zu Stammesgebiet ziehen, oder aber politischen Charakter
haben und von der kaiserlichen Kanzlei erst der Luxemburger,
dann der Habsburger her einer Gemeinsprache zudrängen, war
die langsame Entwicklung der Grundlagen des Neuhochdeutschen
ausgegangen: und diese Grundlage war dann ausgebaut worden
durch den gewaltigen Aufschwung der literarischen Tätigkeit
der Reformationsjahre, vor allem durch die Sprache Luthers.
Von nun ab war kein Zweifel mehr, daß es eine allgemeine
literarische Sprache der Deutschen gab, und daß diese Sprache
die hochdeutsche war: nur wenig ist in den folgenden Jahr—
hunderten dialektisch, am meisten wohl noch niederdeutsch, aber
auch auf diesem Gebiete an sich fast nur geringfügig ge—
dichtet worden. Es war eine Einheitsbewegung, an der noch
ganz Deutschland teilnahm, mochte es politisch zum Reiche ge—
hören oder nicht: freilich mit einer schwerwiegenden Ausnahme,
der der niederländischen Provinzen.

Die Abtrennung des Niederländischen erschien schon durch
die politischen Schicksale der Vlamen und Holländer während
des 14. und 15. Jahrhunderts eingeleitet; besiegelt wurde sie
dennoch erst im 16. und 17. Jahrhundert. Denn das ist das
tragische Schicksal dieser Lande, daß sie eben in den Zeiten,
da sie dem großen Vaterlande noch einmal besonders viel
waren, gerade durch diese überragende Stellung von ihm ab—
gedrängt und kleinerer Entwicklung in engen Verhältnissen zu⸗
gewiesen worden sind. Im 16. Jahrhundert konnte das Nieder—
ländische noch immer als Dialekt gelten — wie es denn noch
während des 17. Jahrhunderts im Reiche als vom Deutschen
nicht eigentlich geschieden empfunden wurde —: in Anna Bijns
Refereinen oder Marnix' Bijekorf ist die Sprache zwar malerisch,
aber noch gemein. Die Staatenbibel dagegen (1626-1687)
und vorher einleitend wie gleichzeitig belebend die großen Ge—