Die darstellenden und die bildenden Künste. 233
lehrten, Dichter und Philosophen, ein Stevin, Hooft, Cats,
Vondel, Huyghens, haben das Niederländische des 17. Jahr—
hunderts völlig zu einer besonderen Schriftsprache entwickelt
und damit vom Neuhochdeutschen endgültig gelöst. Dabei war
der Stolz auf die eigene Sprache in den Niederlanden teilweis
schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts deutlich vor⸗
handen; der Mediziner Becanus z. B. war damals schon von
der Schönheit und Eigentümlichkeit des Vlämischen so durch⸗
drungen, daß er in seinen Origines Antverpianae (1569) be⸗
hauptete, Adam und Evda hätten im Paradiese gewiß vlämisch
miteinander geplaudert.

Für die Entwicklung der gemeindeutschen Literatur aber
ergibt sich aus dieser Abtrennung des Niederländischen, daß
sie fur das 16. und 17. Jahrhundert in zwei Strömen dahin⸗
fließt, dem binnendeutschen und — da die südlichen Niederlande
geistig abstarben — demjenigen Hollands. Dem muß auch der
Lauf unserer Erzählung folgen, um so mehr, als die nieder⸗
ländische Literatur das, was ihr an Verbreitungsgebiet gegen⸗
uiber der binnendeutschen vielleicht fehlte, vollauf durch die
Folgerichtigkeit und die innere Bedeutung ihrer Entwicklung
auch für die weitere Geschichte der binnendeutschen Literatur
ersetzt hat.

2. Im inneren Deutschland verlief die literarische Ent⸗
wicklung von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Kriege
vor allem im Ausbau derjenigen Richtungen der spätmittel⸗
alterlichen Literatur, in denen der Versuch zu energischerer
Wiedergabe menschlicher Charaktere gemacht worden war, in
der Fortentwicklung mithin der alten Neigungen auf eine
enzyklopädische Satire und auf ein urwüchsiges Drama. Dabei
traͤt allmählich die noch in der ersten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts vorhandene Tendenz zu polemischer Haltung, wie sie
die streitbaren Jahrzehnte der Reformation besonders befördert
hatten, zurück, und an der Stelle der polemischen Satire auf
aͤlle ober einige Stände entfaltete sich der Schwank, wie an