234 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Stelle des ebenfalls gelegentlich gepflegten Tendenzdramas das
tendenzlose Schauspiel.

Ehe indes diese Richtungen zu vollerer Bildung reiften,
gelangten noch einige literarische Gattungen zur Blüte, die
leils dem Gesamtempfinden der Zeit nach sozialer wie religiöser
Seite hin Ausdruck gaben, teils sich in weniger ausgesprochener
Form, vielfach mit der Pflege fremder Anschauungen und
Neigungen vermischt, der Personalcharakteristik zuwandten.

Zunächst gingen aus dem alten Volkslied das Gesellschafts⸗
lied und das Kirchenlied hervor. Im Gesellschaftslied ver—
schmolzen alte, teilweis noch auf das Denken und Empfinden
des symbolischen Zeitalters zurückreichende Überlieferungen mit
dem Denken und den Anforderungen vornehmlich des Bürger⸗
tums, und indem jetzt zum Lied die kunstgemäße, teils har⸗
monifierte, teils kontrapunktisch behandelte Melodie und mit
ihr sehr bald fremder, vornehmlich italienischer Einfluß hinzu⸗
trat, entstanden seltsame Mischformen, in denen das alte Gold
des Volksmäßigen nur hier und da noch hervorschimmert.
Demgegenüber fand dann die Entwicklung des Volksliedes eine
andere Stätte, auf der es sich ganz selbst verblieb und dennoch
den großen Tendenzen des 16. Jahrhunderts vermählte, so daß
es zu nie erreichter Höhe und Reinheit erwachsen konnte: die
Kirche.

Das deutsche Kirchenlied ist keine Schöpfung der Refor⸗
mation. Aber das reformatorische Kirchenlied, wie es mit den
erhabenen Schöpfungen Luthers aus den Jahren 1523 und 1524
begann und bald darauf mit „Ein feste Burg ist unser Gott“
schon seine Höhe erreichte, ist von dem mittelalterlichen Kirchen⸗
liede selbst da, wo es sich ihm anschließt, dennoch innerlich ver⸗
schieden. Das mittelalterliche Kirchenlied war Kultuslied, Be—
gleitgesang zumeist zu Handlungen des Klerus, Beiwerk einer
hierarchischen Kirche; das reformatorische Kirchenlied wurde

immer mehr zu einem Hauptstück des Gottesdienstes und stand
unter dem Schutze des allgemeinen Priestertums der Gemeinde.
So gewann es an Ernst und Würde; ein heiliger Schauer
weht aus seinen Texten, und ein männlicher Ton ist ihm eigen,