Die darstellenden und die bildenden Künste. 235
auch wo es frohlockt. Was die Gemeinde vor Gottes An⸗
gesicht bringen kann, das umfaßt es: die ganze Stufenleiter
religiöser und sittlicher Gemeingefühle.

Erst mit der Wende des 16. Jahrhunderts beginnt sich
dieser Ton des Kirchenliedes zu ändern. Die Dichtungen
unterliegen nunmehr der Umgestaltung des Empfindens ins
Individuelle. Schon vorher hatte es namentlich Sterbelieder
gegeben, deren Ton nicht mehr der objektive eines Gemeinde⸗
bekennens war, das aller persönlichen Empfindung entäußert
ist. Jetzt wird der Ton ganz allgemein individueller; die Zahl
der Dichter mehrt sich und findet die Formen kindlich⸗ persön⸗
licher Sprache; weichere Töne verdrängen das Rauhe, Knorrige,
Herbe von ehedem: und schon erscheint statt des erhabenen
Christus das süße Jesulein. Es ist die Wendung zum Pietis⸗
mus, zur Reaktion gegen die inzwischen emporgewucherte ein⸗
seitige Verstandesseligkeit des neuen Zeitalters.

Unterdessen hatte aber der auftrennende Verstand die
nationale Phantasie bereits in eine bestimmte Richtung, auf
die intensivere Erfassung vor allem fremder menschlicher
Charaktere, verwiesen. Es war eine Richtung, die auch in
epischen Formen, in der Forbildung der alten Ritterepen ins
Romanhafte, ihr Genüge finden konnte und in diesem Sinne
lange Zeit hindurch mit dem Import fremder literarischer
Erzeugnisse befriedigt wurde. Bis zu einem gewissen Grade
hatten in diesem Sinne schon die Volksbücher des 15. Jahr⸗
hunderts leise gewirkt; weit mehr aber taten das jetzt, im
16. Jahrhundert, die ersten Romane, die zunächst von Frank—⸗
reich her eingeführt wurden. Da wanderten anfangs, in den
Jahren 1533 1589, der Riese Fierabras, die vier Haimons⸗
kinder, der Kaiser Oktavianus, die schöne Magelone und
Ritter Galmy über den Rhein und eroberten mit ihren
rührenden Erzählungen von Krieg und Kampf, von Verleum⸗
dung und gerechtfertigter Unschuld, von Trennung und von
Wiedersehen die Herzen vor allem der adligen Kreise. Die
Wirkung aber dieser und ähnlicher Romane wurde durch eine
neue Enfuhr in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts