236 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
übertroffen, von der dem deutschen Adel schon das französische
Gesellschaftsideal des omme du monde nähergelegt ward;
neben anderem brachte sie die höchst fesselnde, von Belehrung
und Moralisation nützlich durchbrochene Geschichte des be—
rühmten Helden Amadis, die, immer und immer wieder auf⸗
gelegt und vermehrt, bis weit über das 16. Jahrhundert hinaus
dieblingslektüre der höheren Kreise des inneren Deutschlands ge⸗
blieben ist. Diesen Einflüssen folgte dann nochmals, um
das Jahr 1600, ein letzter, größter und entscheidender Einfall
französischer Romane über Mömpelgard und Straßburg und nun
auch schon spanischer Romane über München: er hat geradezu
ein Anschwellen des deutschen Buchhandels bewirkt. Mit ihm
traten neben die alten Heldenstoffe auch schon Schelmenstücke
und Schäfergeschichten: die einfache, wenn auch noch heroisch
gedachte Betrachtung der Welt gabelte sich jetzt in eine viel
iatenfivere, naturalistisch-sarkastische und eine konventionell ge⸗
haltene idealistische Auffassung.

Aber die fremde Einfuhr hatte unterdessen in Deutschland
auch schon eine gewisse Wirkung ins Schöpferische gehabt: man
hatte nachzuahmen begonnen. Freilich zeigte sich dabei, daß
bas deutsche Seelenleben wohl für eine Aufnahme der fremden,
übrigens auch noch außerordentlich rohen Lebenscharakteristik,
wie sie die Romane gaben, empfänglich, dagegen für die freie
Erzeugung der erforderlichen, lang hingezogenen, liebevoll ins
Zuständliche eintretenden Charakteristik noch nicht reif war.
Die deutschen Nachahmungen sind daher noch roh und un—
geschlacht; erst der Verlauf des 17. Jahrhunderts brachte
ims wahrhaft bedeutende Romane; und die Versuche zur in⸗
timeren Widerspiegelung des Menschendaseins, die in diesen
gemacht wurden, fanden während des 16. Jahrhunderts ihre
Vorläufer nicht so sehr im Roman als im Schwank und im
Drama.
Drama und Schwank müssen hier zusammen genannt
werden, denn sie sind als besondere Dichtungsarten kaum er—
schöpfend zu trennen. Bei beiden nimmt der Inhalt die
Richtung vorwiegend aufs Satirische und bei freierer Auf—