238 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
unter dem Titel „Schimpf und Ernst“ abschloß. Paulis
Büchlein trägt noch halbwegs klerikalen Charakter, hat noch
die größte Vorliebe für Zauberstücklein und Wunder, diese
schlimmsten Feinde aller eingehenderen Charakteristik, erzählt
weiter noch gern ohne Pointe und strebt noch Erziehung guter
und Besserung sündiger Seelen an. Demgegenüber sind die
Sammlungen, die seit 1555, seit dem Rollwagenbüchlein Jörg
Wickrams, auch eines Elsässers, erschienen, fast ohne Ausnahme
der reinen Unterhaltungsliteratur gewidmet. Wickrams Werkchen
selbst, ein Buch von Geschichten, die sich Reisende zum Zeit⸗
hertreib auf dem Rollwagen erzählen können, mag als Typus
der Gattung gelten. Es ist vor allem ganz laienhaft, wenn
es auch das haec fabula docet am Schlusse weniger Ge⸗
schichten vermissen läßt; und es ist pointiert. Das Wunder⸗
hare findet sich wohl auch noch, aber es wird herzhaft an⸗
gegriffen, wie man sich denn zu dieser Zeit in zunehmendem
Fluchen dem Teufel mehr kordial und gemütlich näherte; und
auch die Heiligen werden nicht mit schlechten Witzen verschont;
ja nicht wenige Geschichten sind nach unseren Begriffen geradezu
blasphemisch. Doch ist das nicht so schlimm gemeint: denn
auf weltlichem Gebiete ist der Grundzug des Büchleins zweifels⸗
ohne eine biedere, dem Frivolen ferne, dem Derben mehr als
nahe Roheit; die berühmten Heiligen des 16. Jahrhunderts
Sankt Grobian und Sankt Schweinhardus haben bei seiner
Entstehung Gevatter gestanden. Eben das aber war's, was das
Publikum zunächst wollte; eine verwandte Literatur schwoll ge⸗
waltig empor; auf die acht Elsässer, Leipziger, hessischen Samm—
lungen, die in den acht Jahren von 1555 - 15683 erschienen,
folgte eine Fülle weiterer, namentlich solcher, die sich um eine
Person als Mittelpunkt gruppierten, etwa den Hofnarren Kur⸗
fürst Johann Friedrichs von Sachsen Claus oder den Doktor
Faustus: bis die ganze Gruppe mit der 1597 gedruckten
Sammlung der Schildbürgerstücklein der Hauptsache nach ihren
Abschluß fand.
Inzwischen aber hatte der Schwank seinen klassischen
Vollender in Hans Sachs gefunden. Hans Sachs, der 1576