Die darstellenden und die bildenden Künste. 239
im einundachtzigsten Lebensjahre starb, hatte bis zum Neujahrs⸗
tage 1567 nach eigner Rechnung, die er um diese Zeit hübsch
poetisch aufmachte, 6170 Gedichte gemacht, „ohne die, so waren
kurz und klein, die ich nicht hätt' geschrieben ein“. Es sind
unter Brüdern eine halbe Million Verse. Natürlich kann bei
solcher Fruchtbarkeit nicht alles gleich vollendet sein. Der
Dichter, wohl ohne Zweifel das größte rein poetische Talent
seiner Zeit, hat das Recht, nur nach den besseren seiner
Schöpfungen beurteilt zu werden. Und da ergibt sich, daß sich
in dieser Frohnatur das Weltbild des 16. Jahrhunderts in
vergnüglichster Anschaulichkeit widerspiegelte: nicht ohne Grund
hat Goethe in dem poetischen Schuster wesentliche Züge seines
Wesens wiedergefunden und für sein Andenken gesorgt. Es
ist dieselbe unmittelbare Gegenständlichkeit der Anschauung, nur
ohne das tiefe psychologische Eindringen des Dichterfürsten.
Denn so sehr Sachs die gegebenen Stoffe, die er zumeist ihrem
Tatsacheninhalt nach bloß reproduzierte, über die Überlieferung
hinaus zu freierer, bilderreicher Abrundung emporzuheben
—D—— der Charakteristik noch die Züge
schuldig, die nur mittelbar, nicht bloß zur direkten Motivierung
der einzelnen Handlung beizutragen imstande sein würden.
Hans Sachs hat unter seinen Werken auch 208 fröoͤhliche
Komödien, traurige Tragödien und lustige Spiele aufgezählt:
unendlich reich war er also auch als Dramatiker; es wird
davon noch weiter unten die Rede sein. Daneben hat er als
Chorführer der bürgerlichen Empfindungen auch zahlreiche
Sprüche und geistliche Lieder, Liebeslieder, Gassenhauer und
anderes gedichtet; und vornehmlich ist er, wie einstens Herr
Walther von der Vogelweide in ritterlicher Zeit, so nun unter
Bürgern ein erster politischer Dichter gewesen: sein Gedicht
diber den blutdürstigen Türken vom Jahre 1532, seine Klage⸗
rede ob der Leiche Doktor Luthers sind gewaltige Leistungen
dieser Art, vor allem aber sein Lied übex die wittenbergische
Nachtigall vom Jahre 15283, das wie ein letztes Sagelied der
Vorzeit, wenn auch mit lehrhaftem Zug, allem Volk Ent—
stehung und Art der Reformation verkündet. Aber recht eigent—