Die darstellenden und die bildenden Künste. 241
winnen gewußt, deren Verfänglichkeit das auszuschließen schien,
und vor allem die höchste Errungenschaft der Schwankliteratur,
den humoristischen biblischen Schwank, geschaffen. Wer kennt
nicht die gemütvolle Art, die in seinen Geschichten von St. Peter
waltet oder in dem Abenteuer von den ungleichen Kindern Evä?
In solchen Stücken nähert sich der Dichter dem Ideale der
Gattung, wie er so behaglich-lehrsam und in der Kunst einer
naiven Steigerung des Eindrucks munter daherschreitet. Wer
wird sie und einige andere Stücke, etwa die Mär von dem
„trotzgebarigen“ Mönche zu Regensburg im Bayerland und
seinem Wasserkrug lesen ohne die Empfindung, daß er hier auf
den Höhen einer literarischen Gattung wandle?

Inzwischen aber kündigte sich eine merkwürdige und ver—
heißungsvolle Veränderung und Erweiterung des Schwankes
an; es schien, als sollte er den Weg zum satirischen, komischen,
grotesken Epos nehmen. Es wäre eine Wendung durchaus im
Sinne einer Zeit gewesen, deren ins scheinbar Ungeheure er—
weiterter Horizont die Geister frei machte und die Seelen groß,
der den Maßstab der Dinge außerhalb und innerhalb des
Menschen so verschob, daß dem satirischen Lachen ebenso Raum
blieb wie der humoristischen Träne und der grotesken Über⸗
treibung: Außerordentliches hätte erwartet werden dürfen, hätte
die Nation mit gesundem Optimismus in die Zukunft geblickt.

Schon im 15. Jahrhundert hatte Heinrich Wittenweilers
„Ring“ ein gutes Beispiel der neuen Richtung gegeben; die
Dichtung schildert einen Krieg zwischen den Dörfern Lappen—
hausen und Nissingen, der den Zwistigkeiten einer Bauern⸗
hochzeit entspringt, und in dem so gewaltige epische Helden
wie Hildebrand und Dietrich von Bern in groteskem Wieder⸗
aufleben reisig zu Felde ziehen.

Dann waren freilich die ernsten Jahrzehnte der Refor—
mation gekommen, und Murners Werke hatten unter ihrem
Einfluß einen zu bissigen Charakter erhalten, als daß sie den
reinen Leistungen des Komisch-Grotesken zugezählt werden
könnten. Nun aber, in der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts, trat ein Dichter auf, der alle Eigenschaften besaß,

Lamprecht, Deutsche Geichichte. VI. 16