244 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
lebens, erhebt die ernstliche Ermahnung an die lieben Deutschen
trotzig den warnenden Weckruf für deutsche Sinnesart, zeichnet
die heitere Dichtung von der Fahrt des Zuricher glückhaften
Schiffs mit dem Hirsebrei nach Straßburg (1576), ein trotz
aller eingestreuten Gelehrsamkeit objektiv prächtiges Bild deutschen
Bürgerkönnens und noch immer engen nationalen Zusammen⸗
hangs zwischen Oberrhein und schweizerischem Bergland.

So ist denn Fischart ein ganzer Mann gewesen; er war
der überragende Dichter des letzten Viertels des 16. Jahr—
hunderts. Aber er hat keinen Nachfolger gehabt. Was be—
deutet ihm gegenüber der langweilige Rollenhagen, der den
homerischen Froschmäusekrieg zu einer pedantischen Reformations⸗
geschichte umdichtete, und was der Straßburger Magister Wolf⸗
hart Spangenberg mit seinem grotesken Ganskönig (1607),
einem Spottgedicht auf den katholischen Himmel mit seinen
Heiligen? Mit Fischart erschöpft sich im ganzen die Weiter⸗
bildung, die Satire und Schwank des Reformationsjahrhunderts
zu höheren literarischen Gattungen hätten erlangen können.
Es war die Folge der allgemeinen sozialen und politischen
Lage. Zornige Satire verlangt Freimut, komisches Epos
Humor, groteske Dichtung ein wohliges Schweben über den
Dingen. Wie sollten diese Eigenschaften aus Verhältnissen
eines allgemeinen Verfalles hervorgehen, die schon zum offen⸗
kundigsten Pessimismus geführt hatten?

So war nur vom Drama vielleicht noch Aufnahme und
Weiterbildung der tiefsten literarischen Entwicklungstendenzen
des 16. Jahrhunderts zu erwarten. Und hier konnte noch zur
Zeit des Todes Fischarts, dem persönlich eine dramatische Ader
nicht schlug, die Lage als vielleicht nicht ganz so ungünstig
gelten, wie auf dem Gebiete des Schwankes und seiner Fort⸗
setzungen.

In die dramatische Kinderentwicklung des 15. Jahrhunderts,
wie sie vom kirchlichen Mysterium und vom weltlichen Possen⸗
spiel ausgegangen war, war mit dem Humanismus ein neues
Element eingetreten, das lateinische Schuldrama. Von den
Überlieferungen der Griechen und Römer gespeist, mußten die