Die darstellenden und die bildenden Künste. 249
Personen ist zunächst gar nicht ins Auge gefaßt. Noch weniger
liegt es in der Absicht, den Stoff anders, als er überliefert
ist, spannend erscheinen zu lassen. Nur der Aufbau der einzelnen
Szenen ist deshalb jedesmal für sich geregelt; ob sich aber die
Szenen zu Akten zusammenschließen und die Akte in unserem
Sinne zu einem Stück, ob eine Peripetie an einer nach modernen
Begriffen richtigen Stelle einsetzt oder gar die Einheit von Ort
und Zeit gewahrt ist, das sind Fragen, die den Dichter gar
nicht bewegen, aus dem einfachen Grunde, weil er sie nicht
kennt und von dem Standpunkte, auf dem er steht, auch nicht
einmal zu ahnen veranlaßt wird.

Man sieht: das Wesen der Posse zu Hans Sachsens
Zeit ist noch immer bedingt von dem durchscheinenden Charakter
des Schwanks; die Posse ist zunächst nichts als höhere Kunst⸗
form der Schwankerzählung. Freilich beginnt darüber hinaus
die dramatische Form schon umgestaltend zu wirken: und damit
sritt der Übergang zum eigentlich Dramatischen ein. Indem
die Personen in der dramatischen Form viel mehr als in der
Erzählung aus ihrem Milieu entfernt werden, zumal bei dem
sehr unzulänglichen Bühnenapparat, haben sie das Verständnis
der fortschreitenden Handlung in —E
heraus zu bestreiten. Das wird nun nur möglich durch immer
ftärkere Verinnerlichung der Motivierung. Wir sehen Sachs
diesen Weg betreten: deutlich erkennbar wird es, sobald man irgend⸗
eine spätere Posse des Dichters, deren Vorbild in einer Schwank⸗
erzählung erhalten ist, mit dieser vergleicht. Da findet sich
denn schon wirklich etwas wie ständige Motivierung; aus ihr
heraus erwachsen erste Grundlagen einer neuen Kunst in der
Fuhrung des Dialogs und in der Steigerung der Affekte; und
schon machen sich hier und da in feineren Beobachtungen, in
Sentenzen und sonstigem Beiwerk reifere seelische Erfahrung,
sowie in der abweichenden Charakteristik von Parallelpersonen,
wie z. B. der drei Blinden in dem Fastnachtsspiel des Jahres
1553, die ersten, nicht mehr bloß der bitteren Not dramatischer
Formgebung überhaupt verdankten Uranfänge eines psychologischen
Dramas geltend.