250 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Uber Hans Sachs hinaus aber hat das binnendeutsche
Drama eine weitere Entwicklung rein aus den Kräften der
Nation heraus zunächst nicht mehr erlebt. Mit dem Verfall
der deutschen geistigen Kräfte seit dem letzten Jahrzehnt des
16. Jahrhunderts drangen immer entschiedener englische Schau⸗
spielkunst und englisches Schauspiel in Binnendeutschland ein,
anfangs vornehmlich bei den Höfen, denen nach der Wendung,
welche die allgemeinen deutschen Schicksale nahmen, nunmehr
die Entwicklung des nationalen Dramas hätte zufallen müssen,
dann auch bei den Bürgerschaften der großen Städte. Und
daneben wurden tausend andere fremde Einflüsse wirksam,
während das lateinische Schuldrama noch eine Zeitlang wirkungs⸗
los fortlebte.

Unter den fremden Einflüssen aber befand sich einer, der
dem inneren Deutschland um diese Zeit noch recht nahe stand,
gleichsam noch Fleisch war von deutschem Fleische: der nieder⸗
ländische. Denn im Norden der Niederlande hatte man es
unter einem ganz anderen Verlaufe der heimischen Kultur und
der humanistischen Bestrebungen und Lebensideale zu erleben
begonnen, daß eine innige Verbindung nationaler Dichtung und
miker Überlieferung und damit eine erste wahre nationale
Renaissancedichtung geschaffen worden war und in einem klassi⸗
zistischen Drama höheren Ranges gegipfelt hatte: im Drama
Vondels.

3. Für das hohe Mittelalter kann man von einer be⸗
sonderen niederländischen Literatur noch nicht reden; Heinrich
ban Veldeke, niederländischer Herkunft, gehört gleichwohl der
gemeindeutschen Literatur an. Auch im Ausgange des Mittel—
alters ist die niederländische Literatur ihrem tieferen Charakter
nach noch gemeindeutsch; doch gewinnt dieser Charakter schon
besondere Formen.

Bildner dieser Formen waren seit dem 15. und 16. Jahr⸗
hundert, sieht man von einzelnstehenden dichterischen Talenten,
die der Anna Bijns oder Marnix von Adelgonde ab, zu⸗