Die darstellenden und die bildenden Künste. 251
nächst und vor allem die Rederijker, die Kamers van Rhetorica.,
bürgerliche Genossenschaften, die sich im Grunde zu Dichtung
und Gesang ähnlich stellten wie die Schulen der binnendeutschen
Meistersänger. Nur daß bei ihnen, wie sie zunächst in Flandern
aufkamen, das augenfreudige, repräsentative Wesen der Vlamen
nach anderen Ausdrucksformen hindrängte als den in Binnen—
deutschland gebräuchlichen. Diese Brüderschaften dichteten nicht
bloß, im wesentlichen zur UÜbung der Form, Sinnsprüche,
Balladen, Refereinen; sie zogen auch in den großen Prozessionen
einher, versammelten sich zu gemeinsamem Wettstreit in fest⸗
lichem Einzug in eine der großen Städte des Landes und
kamen so allmählich zur Krone ihrer Bestrebungen, zur Tätig—
keit auf der Bühne.

Freilich erinnerten ihre Vorstellungen noch kaum an das
moderne Drama. Selbst der binnendeutsche Schwank, den sie
übrigens auch entwickelten, und der so derbfröhliche Stücke auf⸗
zuweisen hatte, wie Eoeraerts' Stout ende Onbescamt, war
nicht das für sie eigentlich Charakteristische. Dies war viel⸗
mehr das Sinnspiel: ein erbaulicher Dialog personifizierter und
als Personen körperlich dargestellter Eigenschaften (Sinnekens)
über irgend ein Thema moralischen oder religiösen Inhalts,
eine „Stiehtelijke vormaakelijkheit“ (frommes Vergnügen), wie
Hooft es einmal genannt hat. So unterredeten sich z. B. in
dem Boom der sehriftueren, der 1539 zu Middelburg auf⸗
geführt wurde, die Medicijn der zielen, womit Christus ge⸗
meint war, mit Ele-Bijsonder, einer Frau im Nonnengewande,
und neben ihnen trat außer anderen Figuren Meuschelijke
Leeringhe mit ihren Dienern Eyghen Wiishoit und Natuer-
lijcke Begheeren auf.

Gewiß sprach sich in diesen Sinnspielen ein uralter
germanischer Zug aufs Symbolische und Allegorische aus, der
sich zur selben Zeit, nur minder auffällig auch im inneren
Deutschland beobachten läßt. Aber eben darum hatten diese
Veranstaltungen eine Zukunft nicht mehr. Und mit ihnen
gingen zugleich, im Süden zudem in der Freiheit threr religiös⸗
moralischen Aussprache durch die Regierung bedrängt, die