252 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Kamers van Rheétorica ihrem Verfall entgegen; ihre letzte
große Versammlung hat zu Antwerpen im Jahre 1561 statt⸗
gefunden.

Es war um die Zeit, da die südlichen Niederlande über—
haupt aus der entschiedenen Entwicklung der niederländischen
Dichtung, ja Literatur so gut wie auszuscheiden begannen.
Noch fünfundzwanzig Jahre, und man stand vor der Verödung
Antwerpens; wie die kommerziellen so zogen sich nun auch die
künstlerischen und geistigen Kräfte nach dem Norden, vor allem
nach Amsterdam; selbst die Pflege der Sprache ging an den
Norden über: der Schat der nederduytscher Spraken von
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linguae von 1588 sind in der Plantinschen Druckerei zu Ant⸗
werpen hergestellt worden; der Kort begrip leerende recht
Duidts spreken vom Jahre 1584 ging aus Amsterdam hervor.

Pflegerin der weiteren Entwicklung wurde im Norden zu—
nächst in Anknüpfung an ältere Erscheinungen die Amsterdamer,
erst im Jahre 1816 gegründete Rhetorikerkammer de Eglentieren
zum wilden Rosenbaum); ihr Vorsteher Roemer Visscher bildete
einen Gesellschaftskreis, in dem sich alles traf, was der reicheren
Entfaltung vaterländischer Dichtung und reineren Denkens zu⸗
strebte, das „zaligh Roemers huis“, wie es Vondel einmal
genannt hat. Und nun, in der zunehmend vergeistigten
Atmosphäre einer rasch wachsenden Hauptstadt, kam es auf
Grund der alten Rederijkertätigkeit zu ganz neuen Gestaltungen.

An Stelle der blassen Allegorien von ehedem trat, freilich
erst im Laufe der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und
schon durch klassische Einflüsse mitbedingt, ein ernstes kirchlich⸗
politisches Drama: eine Erscheinung außerordentlicher Art, die
erst mit dem politischen Verfalle der Republik zugrunde ging;
da hat Coster in seiner Iphigenia (1617) die Grausamkeit der
orthodoxen Kirche gegeißelt, da Vondel in seinem Palamedes
den Prinzen Moritz gegenüber der „ermordeten Unschuld“
Oldenbarnevelds angeklagt; da durfte Vondel in seinen Leuuwen—
dalers den Frieden von 1648 feiern und im Lucifer sogar
seiner gepreßten katholischen Seele Luft machen.