Die darstellenden und die bildenden Künste. 257
seine freudige, festlich-elastischen Schrittes daherschreitende Muse
begeisterte Töne zu finden.

Vor allem aber war er doch Dramatiker; nicht weniger
als zweiunddreißig Dramen hat er hinterlassen. Und sieht man
von den darunter enthaltenen sieben Übersetzungen aus dem
Lateinischen oder Griechischen ab, so ergibt sich in dieser Reihe,
deren Entstehung sich über ein halbes Jahrhundert ausdehnt,
ein nicht unbedeutender Fortschritt. Das Pas cha vom Jahre 1612
hat noch fast den Rederijkterton; rauh und holprig sind Sprache
und Verse. Andert sich das schon in den nächsten Dramen, so
kommt hierzu seit den zwanziger und dreißiger Jahren eine
dramatische Auffassung im Sinne Senecas und der nach diesem
Vorbild verstandenen Alten. Und dabei bedeutete sogar die
späteste Produktion Vondels wenigstens nach der Meinung des
Dichters selbst noch immer einen Aufstieg; seinen Jephta von
1659 hat er den jungen Dichtern ausdrücklich als „Bühnen⸗
kompaß ⸗ empfohlen.

Was hat nun Vondel in seinen besten Stücken erreicht? War
in ihnen wirklich das Schicksalsdrama der Alten wieder zu vollem
Leben erstanden? Sah man in ihnen tatsächlich die Leiden⸗
schaften großer Männer und Frauen, meisterhaft geschildert,
mit fatalistischer Naturgewalt unvermeidlichen Abgründen zu—
stürzen? Ward das Herz des Zuschauers durch tragische Größe
zu dem Mitleid der antiken Kunstlehre gerührt?

Es wäre ungerecht, bei Vondel dies alles zu suchen. In
einer Zeit, da einer der berühmtesten holländischen Theoretiker,
Daniel Heinsius, in seiner Abhandlung De tragoediae con-
stitutiono (1611) die Katharsis des Aristoteles noch dahin er⸗
klärte, daß durch häufiges Sehen des Schaudererregenden unsere
Empfindung dafür abgestumpft werde, konnte der Dichter nicht
nach dem tieferen Sinn der antiken Vorbilder schaffen.

Vondel blieb innerhalb der Schranken seines Zeitalters.
Das Trauerspiel als höchste dramatische Gattung — und nur
ihm fast wandte er sich zu, weit über die niederen Gefilde der
Posse hinausstrebend — blieb ihm demnach die dialogische Dar—
stellung eines schicksalschweren Vorfalls; und inhaltlich erschien

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 17