258 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
ihm derjenige Stoff als der erhebendste, der am meisten Unglück
umfaßte. So ergab sich, bei aller äußerlichen Wahrung der
aristotelischen Anforderungen der Zeiteinheit usw., ein Drama,
das noch wenig von dem an sich trug, was im späteren Drama
Leben bedeutet: die Personen reden mehr, als daß sie handeln;
lang ausgedehnte Schilderungen, oft ganz in Episodenform,
häufig übrigens im einzelnen von berauschender dichterischer
Schönheit, durchziehen den dramatischen Bau; das, was von
Handlung vorhanden ist, erscheint nicht leidenschaftlich geschürzt,
sondern bedächtig ausgebreitet; die Umstände sind wichtiger als
die Charaktere; die Personen sind äußerlich fein umrissen, aber
nicht aus der Tiefe ihres Wesens heraus dargestellt: das Ganze ist
nach unseren Begriffen mehr dramatische Paraphrase als Drama.
Gewiß ist damit eine Höhe erreicht noch über den Leistungen
eines Hans Sachs, eines Brederoo und Coster und weit sogar
über denen der Rederijker; wir stehen auf einer neuen Stufe
der Entwicklung: der Moment ist da, in dem die dramatisierte
Erzählung im Begriff ist, in die Anfangsformen des psycho⸗
logischen Dramas überzugehen. Aber dem durch das Vorbild
der Antike geweckten Wollen fehlt die Möglichkeit der Vollendung.
Und so tritt das Bestreben auf, den mehr gefühlten als er⸗
kannten Mißerfolg, das mehr Gemachte als Gewordene der Lage
durch äußere Wirkungen zu verdecken. Es ist der geheime Zug
grade aller höchsten Leistungen der Renaissancekunst überhaupt;
und er offenbart sich bei Vondel in demselben Fehler wie sonst,
im Schwulste. Da läßt der Dichter auch Marktweiber in er—
lauchtem Tone reden; und Worte, die hier auf uns nicht
anders als komisch wirken, kehren dann im Munde der
Helden bombastisch wieder. Auf Stelzen schreitet schließlich
diese oft so schöne Sprache einher, seideumrauscht, flitter⸗
vergoldet: es ist bezeichnend, daß die Zeitgenossen vor allem
Vergil und Tacitus als Klassiker des neuen Stils verehrten.
Konnte aber das weitere Publikum der Zeit selbst nur
dieser Höhenentwicklung folgen? Gewiß verehrte man in Vondel
schon bei Lebzeiten den Genius des Dichters, aber es ist be—
stimmt überliefert, daß die Vorstellungen seiner Dramen wenig