260 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Binnendeutschland die nationale Dichtung die Einflüsse des
Humanismus im Grunde frühzeitig abschüttelte und einer Eigen⸗
bewegung folgte, der schließlich bei der unglücklichen Entwicklung
des sozialen Trägers dieser Dichtung, des Bürgertums, voller
Erfolg nicht erblühen konnte, war der geschichtliche Gang im
niederländischen Nordwesten, vor allem in Nordniederland, der
umgekehrte. Hier lebten sich die Rederijker echt mittelalterlich
aus; wesentlich erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
begannen neben ihnen. humanistische Einflüsse zu spielen, und
unter deren Einwirken kam es, vornehmlich in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts, zu der ersten großen Renaissance einer
nationalen Dichtung überhaupt auf dem Boden des zentralen
Europas: einer Renaissance, der dann, in freilich gewaltiger
Steigerung der Leistungen, noch die französische Renaissance
unter Ludwig XIV. und die bimnendeutsche hellenische Renaissance
im Zeitalter Schillers und Goethes gefolgt sind.

Nahe liegt es bei alledem, den verschiedenen Entwicklungs—
gang binnendeutscher und niederländischer Dichtung mit ver—
wandten Vorgängen auf dem Gebiete der bildenden Künste zu
vergleichen. Soll es aber mit Nutzen geschehen, so bedarf es
vorher der eingehenden Kenntnis der künstlerischen Entwicklung
selbst. Und da wird es, um das auch hier stark einspielende
Element der Renaissance von vornherein zu überblicken, not—
wendig sein, von der Entfaltung derjenigen Zweige der bildenden
Kunst auszugehen, in denen sich der Einfluß der Antike, sei es
unmittelbar, sei es in italienischer Vermittlung, am meisten
gezeigt hat: von der Architektur, der Bildnerei und den kunst—
gewerblichen Formen.

III.

1. Die Renaissance der bildenden Künste drang in Deutsch⸗
land nicht unmittelbar aus der Antike, sondern vornehmlich
und zunächst aus den Gebieten italienischer Umformung dieser
Antike herein; und sie bezog sich anfangs nicht so sehr auf die
große Kunst, wie auf das Kunstgewerbe. Daher traten zuerst