Die darstellenden und die bildenden Künste. 265
land. Und aus den Niederlanden verbreitete sich mit manch
anderer Eigenart der Verzierung besonders das sogenannte
Rollwerk, vor allem in der Form der Kartusche; erst um die
Mitte des 16. Jahrhunderts ist es voll ausgebildet; dann
aber beginnt es so üppig zu wuchern, daß zu seiner Ver—⸗
herrlichung in Köln im Jahre 1599 ein eigenes „Schweifbuch“
erscheinen konnte; und zum sogenannten Knorpelwerk geworden
und zu langer, ohrenartiger Durchbildung —
entstellt, beherrschte es die Zierkunst noch beinah ganz in den
Zeiten des Dreißigjährigen Krieges.

Am wenigsten von dem Eindringen und der Entwicklung
dieses so mannigfaltigen Ornamentschatzes beeinflußt waren im
ganzen die Weberei und die ihr nahestehenden Gewerbe. Hier
hielten sich einerseits mittelalterliche Muster noch lange, und
anderseits folgte die Kunstweberei, insofern sie Gobelinwerk ge⸗
worden war, Anregungen der Kunstmalerei, die wenigstens teil⸗
weis außerhalb der Antike verliefen. Die Gobelinweberei war
dabei vor allem in den Niederlanden zu Hause: hier, in Brüssel,
bei dem Weber Pieter von Aelst, hat Leo X. die Tapeten
Raffaels wirken lassen. Aber schon in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts begann diese Industrie zu leiden. Es ent⸗
standen an anderen Orten Fabriken, so in Florenz 1539, in
Paris 1601, in München 1604, ebenso 1604 in Dänemark,
1620 in Mortlake (Surrey), endlich gegen 1680 in Rom; und
der Verfall der Antwerpener Malerschule wie der Wettbewerb
von Paris gab der vlämischen Kunst seit etwa Mitte des
17. Jahrhunderts den Todesstoß. Bei weitem mehr als die
Gobeliuweberei nahm aber jene Spitzenfabrikation Elemente
aus dem antiken Formenschatz herüber, die in den südlichen,
vornehmlich wallonisch-französischen Niederlanden etwa zu eben
der Zeit besonders aufzublühen begann, da die Gobelinwirkerei
verfiel. Ihr werden seit Beginn des 17. Jahrhunderts die
Spitzen von Valenciennes, seit Mitte dieses Jahrhunderts die
von Jeperen verdankt: bis beide seit der Wende des 18. Jahr—
hunderts von der Brüsseler Spitze abgelöst wurden. Inzwischen
aber war schon längst, als ein Senkreis der älteren vlämischen