266 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Kunst, die Spitzenklöppelei mitten in Deutschland, im Erz⸗
gebirge, heimisch geworden. Sie tauchte hier nach der Mitte
des 16. Jahrhunderts auf; und die Nürnbergerin Barbara
Etterlin, seit 1858 Witwe des Annaberger Bergwerksbesitzers
Uttmann (4 1575), hat ihr durch kaufmännischen Vertrieb der
Erzeugnisse zu einer Lebenskraft verholfen, die heute noch fort—
währt.

Wie die Texrtilindustrie, so hat sich auch die Keramik dem
Einflusse der Antike verhältnismäßig wenig und, wenigstens so⸗
weit es sich um Ton handelt, erst spät erschlossen: die Ofen—
kacheln behielten, mit Ausnahme vielleicht der Erzeugnisse der
Gegend von Nürnberg, noch lange die gotischen Formen; die
Bluͤtezeit der Steinzeugfabrikation am Niederrhein, in Sieg⸗
burg, in Raeren und Frechen wie auch im sogenannten Kanne⸗
bäckerländchen östlich von Koblenz trat erst in der Zeit etwa
des Dreißigjährigen Krieges ein; und die nordniederländische,
schließlich um Delft konzentrierte Fayencefabrikation, an sich
wohl ziemlich alt, erhielt doch erst gegen Ende des 16. Jahr⸗
hunderts größere Bedeutung, und zwar ohne sich besonders
ftark antiken Überlieferungen zu überlassen.

Im Gegensatz hierzu hat kein deutsches Kunstgewerbe früher
in den Rengissanceformen zu schaffen und zu blühen begonnen,
und ist länger, wenigstens in seinen edelsten Gestaltungen, in
dieser Blute verharrt, als die der Nation von jeher besonders
werte Schmiedekunst. Zu welcher Höhe brachte es jetzt nicht
sogar die schwere Technik des Eisens! Nicht bloß ornamental
geschmiedet und gehämmert, auch geschnitten wurde es in dieser
Zeit; und neben die herrlichen Gitterwerke traten künstlerisch
hollendete Waffen jeder Art, vor allem die getriebenen, geätzten,
tauschierten Stücke der immer kostbarer werdenden Pracht—⸗
rüstungen, wie sie die Platten— und Waffenschmiede hauptsäch—
lich Nurnbergs, Augsburgs nund Innsbrucks in unübertrefflicher
Schönheit fertigten. Noch höher aber stand die Kunst der
Gold- und Silberschmiede: sie hat damals die unglaubliche
Masse jener Gefäße in harmonischen und unharmonischen, ge⸗
bräuchlichen und ungebräuchlichen Formen geschaffen, die als