268 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
gestellt wurden. Und indem nun hier vor allem die An—
wendung der Architekturformen der italienischen Renaissance
und Antike zutage trat, bildete sich für diese Arbeiten eine
ganze reiche Literatur von ornamentalen, architektonisch ge⸗
meinten Vorbildern, von den ersten Anfängen in den dreißiger
Jahren des 16. Jahrhunderts an bis zu den Werken Hans
Vredemans des Friesen, welche die Kleinarchitektur überhaupt
ins Auge faßten, und zu der wildphantastischen „Architektura
oder Austeilung der fünf Seulen“ des Straßburgers Wendel
Dietterlein vom Jahre 15091.

Diese Wendung, die zunehmende Annäherung, ja die ge⸗
legentlich vollendete Gleichstellung der Schreinerei mit der
Architektur ist für die deutsche Entwicklung, namentlich der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, bezeichnend: nicht bloß
im Kunstgewerbe, auch sonst hatte man, und vor allem in
der Architektur, die Renaissance zunächst von der dekorativen
Seite her ergriffen.

2. Nur ganz ausnahmsweise finden sich auf deutschem
Boden Bauten der Renaissancezeit, von denen behauptet werden
kann, daß sie in jedem Betracht, der inneren Struktur wie dem
äußeren Schmucke nach, die Grundsätze des neuen Stils in
deutscher Umgießung vollkommen und ungestört von anderen
Elementen zum Ausdruck brächten. Am ehesten könnte man
hierher vielleicht einige westfälische Gebäude rechnen sowie die
großen Bauten des würtembergischen Fürstenhauses, Schöpfungen
Georg Beers und seines Schülers Schickhardt, das Lusthaus
und den Neuen Bau zu Stuttgart, beides leider nicht mehr
erhaltene Denkmäler. Im ganzen aber dauerte in Deutschland
ein von der Gotik noch gedecktes Raumbedürfnis zu lange fort,
als daß sich nicht im allgemeinen die gotische Struktur der
Bauten erhalten hätte, so daß die Renaissance zunächst mehr
als äußerliche Zutat, als Kunst der Zierstücke aleichsam Raum
gewann.

Nun gab es allerdings auf deutschem Boden Gebiete, in