Die darstellenden und die bildenden Künste. 269
denen die Raumbedürfnisse sich nicht mehr ganz mit jener verti⸗
kalen Tendenz der Gotik deckten, die im wesentlichen nur großen
repräsentativen Gebäuden mit verhältnismäßig kleiner Grund⸗
fläche zugute kam. Es war überall da der Fall, wo gegen
Ende des Mittelalters eine rasche Vermehrung der Bevölkerung
eingetreten war, deren Interessen größere Grundflächen als
die bisher gebräuchlichen für öffentliche Gebäude verlangten: in
Ostfranken mit dem Zentrum der großen Handelsstadt Nürn⸗
berg, im Erzgebirge mit einer seit dem eröffneten Bergbau
rasch gestiegenen Bevölkerung, in Flandern mit seinem großen
Handel. Aber an all diesen Stellen war die Gotik noch dem
neuen Bedürfnis gerecht geworden. Hier vornehmlich hatte sie
die vertikale Tendenz immer mehr zugunsten der horizontalen
verlassen und sich in flacher eingewölbten, minder hohen, da⸗
gegen weitgestreckten Räumen dem bestehenden Bedürfnis an⸗
geschmiegt: so waren die freiräumigen Kirchen des Erzgebirges
Ind Nürnbergs, so die großen Stadthäuser schon früh in
Brügge und Gent, noch schöner später in Brüssel und Leiden
entstanden. Da also, wo die Renaissance als ein Stil wesent⸗
lich der Horizontale leichter hätte Eingang finden können, war
ihr die Gotik durch geschickte Anpassung zuvorgekommen.
Gleichwohl begreift es sich, daß die Prinzipien des Re—
naissancebaues, soweit sie über die bloß äußerliche Dekoration
hinausgingen und die Struktur selbst erfaßten, noch immer da
am besten durchdringen mußten, wo sich die Gotik zu Zu⸗
geständnissen an die Horizontale bereit gefunden hatte. Auf
diese Weise wurden Oberfranken und Obersachsen einerseits,
Flandern anderseits zu Standorten einer Renaissancearchitektur,
die verhältnismäßig immer noch am reinsten entwickelt war.
In Oberfranken kommt freilich im ganzen nur Nürnberg
selbst in Betracht und neben ihm noch eine Anzahl von Ab⸗—
zweigungen seines spezifischen städtischen Stils; in Nürnberg
gehören diesem Zusammenhange eine Reihe prächtiger Stadt—⸗
häuser und Landhäuser in der Vorstadt an, der Schoppen—
hof z. B., das Tucherhaus von 1533, das Hirschvogelhaus von
1574 und fast mehr noch die Festungstürme Georg Ungers