270 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
(1555— 1568). Bedeutender war die Bewegung, die vom
sächsischen Erzgebirge und den ihm nach Norden vorgelagerten
Gebieten ausging. Am klarsten zutage tritt sie im Schloßbau;
der Flügelbau des Dresdener Schlosses, den Schickentanz 1530
bis 1537 ausführte, ist ihr erstes größeres Denkmal, ihr
schönstes vielleicht das Schloß Hartenfels zu Torgau mit seinem
prachtvollen Treppenturme, soweit es zwischen 1532 und 1544
entstanden ist. Von der Elbe aus verbreitete sich dieser Stil
dann bis ins mittlere Thüringen, bis zur Mark Brandenburg
GBerliner Schloß) und vor allem nach der Lausitz, wo Görlitz
mit seiner malerischen Rathaustreppe aus dem Jahre 1537,
von Wendel Roorkopf, ein Mittelpunkt reicher Entwicklung
wurde.

Bedeutender aber als das binnendeutsche Zentrum dieser
auf horizontaler Gotik aufgebauten Renaissance war das nieder—
ländische Gebiet Flandern.

In Flandern hatte man bereits früher als in Binnen—
deutschland Freiräumigkeit der öffentlichen Gebäude und Weit—
räumigkeit der Kirchen gefordert: breite Hallenkirchen von fünf,
ja sieben Schiffen bei einer Höhe von nur dem Doppelten,
nicht wie gewöhnlich dem Dreifachen der Breite, waren ent—
standen, und neben ihnen Rathäuser, in denen schon die Raum—
verteilung des modernen Geschäftshauses — einige Säle neben
zahlreichen Zimmern — durchgeführt zu werden begann. Dabei
waren denn besonders für die Profanbauten die Gewölbe immer
flacher geworden und schließlich ganz weggefallen. So konnte
auch das Gerüst des Aufbaues nicht gotisch im alten Sinne
bleiben: die Prinzipien des Horizontalbaues siegten in der Ge—
schoßanlage, und die Gotik trat nur noch ornamental, zur
Dekoration der Fassade in Erscheinung. Das ist bei den großen
Rathäusern schon der Charakter des stile flamboyant und des
stile fleuri: Statuenreihen unter Baldachinen wechseln mit
friesartig behandelten Maßwerk, Wimperge und Fialen treten
rein dekorativ auf, Zinnen werden in Maßwerk aufgelöst und
krönen nach Art einer Ballustrade: der konstruktive Ernst der
Gotik ist in ein lustiges Spiel von Ziergliedern zerflossen.