Die darstellenden und die bildenden LKünste. 271
Unter diesen Umständen fand die Renaissance in den
südlichen Niederlanden leichten Eingang, auch soweit nicht ver—
einzelt einfach rein italienische Nachahmungen auftraten, wie
in dem 1559—1564 von den beiden van Noyen erbauten
Brusseler Palast Granvelles; und nur die Tatsache, daß ein
außerordentlicher Baueifer schon in den Endzeiten der Gotik
die wichtigsten baulichen Bedürfnisse befriedigt hatte, trat der
Ausbreitung des neuen Stiles ernstlicher entgegen. Im übrigen
wurden jetzt für die alten Maßwerkarkaden antike Ordnungen,
für die Wimperge Giebel, für die Fialen Spitzsäulen eingesetzt
und aus all diesen Anderungen die nötigen Konsequenzen für
die kleinere Dekoration gezogen: die Umwandlung in eine
nationale Renaissance war fertig, wenn diese auch noch weit
von der freien Verhältnislehre der italienischen Architektur ent—
fernt blieb und für den Zusammenhang der Bauteile unter—
einander erst langsam die Richtschnur eines eigenen Schön⸗
——

Die ersten großen Meister dieser neuen Richtung waren
Cornelis de Vriendt und Paul Snijdincx, und ihre prächtigste
Schöpfung ist das Rathaus von Antwerpen (1561 -1565),
dessen Hallenmotiv weithin, namentlich nach dem Norden zu,
nachgewirkt hat; die Rathäuser im Haag (1564 - 1565), zu
Emden (1574 -1576) und zu Vlissingen (um 1600) verdanken
ihm das wichtigste Prinzip ihres Schmuckes. Inwiefern danach
der neue Stil auch in das innere Deutschland weiter eindrang,
wird später zu betrachten sein.

In Flandern selbst aber wurde der ausgebildete Formen⸗
zusammenhang im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts unter
italienischen Einflüssen und unter besonderem Eingreifen von
Rubens einer Umbildung in das mittlerweile auf italienischem
Boden schon aus der Renaissance entwickelte Barock unterzogen:
man nahm die baulichen Formen wuchtiger und ließ das reine
Ornamentale zurücktreten. Es waren Wandlungen, die sich unter
dem prunkenden Regiment der Erzherzöge um so rascher vollzogen,
als das Land nunmehr von den langen Kriegsjahren aufatmete
Ind der fiegreiche Katholizismus sinnlicher Mittel zum Ausdruck