Die darstellenden und die bildenden Künste. 273
der burgundischen Vliesritter (1456) gesehen hat. Die
Straßen anderer holländischer Städte aber waren damals
noch vielfach ungepflastert und umrahmt mit stroh- oder schilf⸗
gedeckten Holzhäusern; die Stadtbaumeister führten noch viel—⸗
fach bis ins 17. Jahrhundert hinein den Titel Timmerman.
Und erst seit dem langsam steigenden Reichtum seit Mitte des
16. Jahrhunderts änderte sich der Anblick des Landes. Nun
begann man häufiger steinerne Wohnhäuser zu bauen, oft noch
winzig klein, wie sie heute z. B. noch in Enkhuizen stehen, oft
bisweilen schon größer, im Sinne des späteren Herrenhauses.
Dabei war die Anlage, trotz aller Gedrücktheit der Stockwerke,
doch ein wenig gotisch gedacht, wenigstens ließ man sich nicht
gern den straßenwärts ragenden Giebel nehmen. Aber auch
uͤber diese Stufe der Entwicklung wuchs man rasch hinaus.
Wie nahm nicht seit Ende des 16. Jahrhunderts die Bevölke—
rung zu! Jetzt mußten neue Straßen gebaut, die Befestigungen
abgetragen und neu errichtet, die Stadthäuser erweitert, öffentliche
Gebäude für den reißend steigenden Verkehr hergestellt, Häfen
geschaffen werden: was bedeuteten in dieser Richtung nicht
allein in Amsterdam und Rotterdam die weitläufigen Handels-
viertel mit ihren Kontoren, Magazinen, Packhäusern, die
Werften mit ihren Seildrehereien und Zimmerplätzen und den
tausend Wohnungs⸗ und Bergungsbedürfnissen einer größeren
Industrie und eines überseeischen Handels. Unablässig war
Gelegenheit, zu schaffen, und neben die bloßen Nutzbauten stellten
sich die Prachtarchitekturen der reichen Kaufleute, die Türme
und Tore, die Wagen und Spitäler, das Rathaus und das
Kaufhaus der Stadt, und über sie hinaus noch die Kirchen⸗
bauten einer sich in immer neue Varochien gliedernden Be—
völkerung.

Wahrlich: mehr wie sonst irgendwo auf deutschem Boden
war hier Gelegenheit gegeben zur wechselvollsten Entfaltung
eines neuen Stiles!

Allein dieser Stil konnte die klassische/ vom italienischen
Süden her vordringenden Renaissance wenigstens zunächst nicht
sein. Dieser Renaissance fehlte hier ganz und gar die Sonne

Lamvrecht, Deutsche Geschichte. VI. 18