274 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Italiens; bei allem Silberglanz des heimischen nebelgebrochenen
Lichts bedurfte man größerer Fensteröffnungen als sie in Italien
gebräuchlich waren, wollte man tageshell leben. Es fehlte
serner der Baugrund, um die lastenden Mauern und Gewölbe
Italiens zu tragen; schon in gotischer Zeit hatte man gegenüber
dem häufig weichenden Boden aus der Not eine Tugend machen
und den Kirchenschiffen hölzerne Gewölbe einziehen, den Türmen
obere Teile aus Holz aufsetzen müssen. Vor allem aber fehlte
der Haustein. Von fernher bezogen, war er noch fast dem
ganzen 16. Jahrhundert zu teuer, um zu homogenen Fassaden
verwandt zu werden; nur für besondere Zierstücke gelangte er
zur Verwendung. So vermochte denn hier, auf architektonischem
Neuland, die Renaissance nicht gebieterisch, sondern nur an—
regend zu wirken. Aus der Aufnahme einzelner ihrer Elemente
wie der spärlichen heimischen Tradition entstand darum im
nördlichen Niederland ein neuer, charaktervoller, einheitlicher
Stil: der Backhausteinstil der Renaissance. Und mit Recht
bezeichnet man diesen Stil als holländische Renaissance, denn
ist er auch teilweise in Flandern zu Hause, so fand er doch in
Holland seine vollendetste Entwicklung. Ein Ziegelbau aus den
festen rotgebrannten Klinkern des Alluvialschlammes wurde da,
wohl unter streifenförmiger Musterung der flachen Mauern,
mit architektonischen Gliedern aus weißem Haustein ausgeputzt,
wobei die dekorative Gliederung der Fassade durch die um—
gebildeten antiken Motive des Pilasters, der Halbsäule, des
Architravs eine besondere Rolle spielte. Dabei blieb aber
der Fassade als altnational die Einteilung in gleichmäßige
Fensterreihen und die im ganzen eher vertikale als horizontale
Richtung und damit das Auslaufen der Front in einen Giebel,
und bei wichtigern, namentlich oöffentlichen Gebäuden, die An⸗
lage eines Turmes. Und später gesellten sich hierzu noch reiche,
ja prunkende Portale, meist ganz in Haustein und im Sinne
hon Giebelbauten, und der Eingang zu ihnen wurde durch weit⸗
angelegte Freitreppen vermittelt. Zugleich begann sich dann
auf den Hausteinteilen jene üppige Ornamentik der Hoch—
renaissance niederzulassen, die sich inzwischen im inneren Deutsch⸗