276 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
sprache, durch die Verbindung verschiedenen Baumaterials an
sich begrenzt, hatte sich schließlich erschöpft, und der Reichtum
des Landes gestattete seit den ersten Jahrzehnten des 17. Jahr⸗
hunderts trotz aller Schwierigkeiten die Errichtung reiner Hau⸗
steinbauten: freilich hat darum das Amsterdamer Rathaus auf
73659 in den Morast gerammten gewaltigen Masten errichtet
werden müssen. Aber immerhin war die Möglichkeit einer
reineren Annahme der italienischen Renaissance seit etwa 1630
gegeben.

Allein nicht dem inzwischen in Italien entwickelten
prunkenden Barock warf sich das Land, gleich den südlichen
Niederlanden, in die Arme. Ernst, protestantis ch gegenüber dem
lebensfreudigen katholischen Süden, folgte es vielmehr einer
anderen Stroͤmung der italienischen Baukunst, die auch neben dem
Barock noch lange Zeit nicht verschwunden ist. Während nämlich
die Meister des Barocks über den alten Bestand der technischen
Formen der Renaissance zu wuchtigeren, lastenderen Bildungen
fortschritten, hatte einer der größten Meister, Palladio, einen
anderen Weg eingeschlagen. Zwar streifte auch er den heiteren
und reichen Schmuck der eigentlichen Renaissancedekoration ab, im
übrigen aber hielt er an der ursprünglichen baulichen Beftimmung
der möglichst einfach und keusch, wenn auch wuchtend auf⸗
gefaßten Strukturglieder fest, ja suchte diese erst recht ihrem
eigentlichen Zwecke gemäß zu entwickeln. So ward er der
Schöpfer einer straffen, nicht selten nüchtern, häufig aber höchst
großartig wirkenden Architektur, deren Charakter weit abstand
von der phantastisch-malerischen Wirkung des eigentlichen
Barocks. Dieser Stil nun, der Stil Vicenzas, der Heimat
Palladios, der Stil der venezianischen Terra ferma und zum
Teil auch Venedigs, der großen Vorgängerin Hollands, war
es, der in den nördlichen Niederlanden nach dem Abblühen des
Backhausteinstiles Leben gewann.

Naturlich war damit die Zeit einer eigentlich nationalen
Architektur vorüber, zumal in dem neuen Stil im wesentlichen
nur Paläste geschaffen werden konnten. Und das um so mehr,
als dem reichen Baubedürfnis des 16. Jahrhunderts und der