Die darstellenden und die bildenden Künste. 277
ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts fast durchweg noch im
Backhausteinstil genügt worden war. Aber trotzdem wurde der
neue Stil nicht unmittelbar herübergenommen, sondern mit der
außerordentlichen Kraft eigenartiger Aneignung, die Holland in
seinen großen Zeiten allenthalben bewiesen hat, vielmehr ins
Holländische übertragen. Die Profilierungen wurden noch ein⸗
facher als in Italien, ja bis zu völliger Trockenheit gestaltet;
die Ornamentation blieb spröder, die Fassade ruhiger bis zu
vornehmer Langweile. Um so üppiger wurde dagegen das
Innere ausgestattet: die Kunstauffassung eines aristokratisch
gewordenen Bürgertums siegte. In der Fassadenbildung hielt
man dabei, soweit die Frontenge der Bauplütze nicht einer
anderen Lösung zudrängte, an den Forderungen des italienischen
Palastbaues fest: Pilasterstellungen, horizontaler Abschluß mit
antikem Tempelgiebel oder noch besser in antikem Kranzgesimse
mit Balustrade: dazu als Zugeständnis an alte Liebhabereien
ein Turm oder noch besser nur eine Kuppel.

In diesem Stil hat mit am frühesten der alte Jacob van
Kampen gebaut, soweit er sein Talent über sein eignes und
seiner Freunde Bedürfnis hinaus in den öffentlichen Dienst zu
stellen geruhte; er war auch der Schöpfer des bezeichnendsten
Werkes des ganzen Stils, des Amsterdamer Rathauses (von
1648 ab), dessen Bau 30 Millionen Gulden verschlungen hat.
Neben ihm waren vor allem Pieter Post und Philipp Vingboons
tätig, dieser der Meister des Moritzhauses im Haag und des
prächtigen Hauses im Busch, jener der Baumeister des besseren
Kaufmannstandes in Amsterdam: beide zu teilweis recht geist⸗
reichen Zugeständnissen an den alten Backhausteinstil bereit.

Mil dem Ende des 17. Jahrhunderts aber verschwand der
Reichtum auch dieser Gestaltungen. Materieller Genuß und
dessen Folge und Grundlage, tatenlose Wohlhabenheit, waren
in der Republik eingezogen und nagten an ihrer Größe; die
vornehmen Mijnheeren lebten von der Offentlichkeit zurück—
gezogen in äußerlich schmucklosen, aber mit peinlicher Genauig⸗
keit gebauten Häusern, deren innere übertriebene Behaglichkeit
wohl dem Dekorateur und dem Tapezierer und überhaupt dem