282 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Aber diese Denkmäler bedeuten trotz aller Feinheit der
Meißelführung und teilweis auch der Beobachtung keinen Fort⸗
schritt in der Bildnerei. Wesentlich den Einzelheiten der Wieder⸗
gabe des individuell Menschlichen zugewandt, bewältigen sie
diese Aufgaben gewiß mit der Feinheit etwa der zeichnenden
Bildnismalerei eines Cranach oder Bruyn: doch die größeren
und auch die freieren Aufgaben fielen den Niederländern zu.

3. Es sind Erfahrungen, die sich wiederholen, wenn wir
auf die Entwicklung der binnendeutschen Baukunst im ganzen
blicken; nur daß wir hier neben den Niederländern, deren Ein—
fluß, soweit er holländisch ist, vornehmlich im Norden, soweit
er vlämisch ist, vornehmlich am Rhein in Betracht kommt, im
Süden des Reiches auch noch die stärksten unmittelbaren Ein—
wirkungen der Italiener gewahren. Das Bild der binnen—
deutschen Architekturentwicklung im 16. und in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts wird dadurch sehr bunt; und nur jene
Gebiete Obersachsens und einiger anschließender Landschaften,
sowie auch teilweise Oberfrankens, für die sich schon früher
eine mehr selbständige Entfaltung feststellen ließ, bilden, und
auch sie nur einigermaßen, einen Ruhepunkt in der Flucht der
Erscheinungen.

Der Grund für diese zerfahrene Entwicklung liegt zunächst
in der Tatsache, daß die Gotik noch keineswegs gänzlich ab—
gestorben war. Gewiß hatte sich ihr innerliches, konstruktives
Prinzip ausgelebt. Aber ähnlich wie die Deutschen im 12. und
—
schen Stils verharrt waren, während sich die Nordfranzosen
der Durchbildung eines neuen konstruktiven Prinzips, eben des
gotischen, zuwandten, so blieben auch jetzt die deutschen Künstler
fast allenthalben in einer nur ornamentalen Weiterbildung der
Gotik befangen, ohne deren konstruktive Grundlagen aufzugeben,
soweit sie der Vertikale angehörten. Ja diese Grundlagen
wurden wo möglich noch erbreitert und übertrieben. Die Folge
war, daß der Geist des neuen, antikischen Stils, der ein