Die darstellenden und die bildenden Künste. 283
Flächenstil war, mit dem alten Gerüststil der Gotik un—
vereinbar blieb, und daß es nur zu schwankenden und schwäch⸗
lichen dekorativen Kompromissen kommen konnte oder zum
rabikalen Einbruch des Fremden, mochte es nun von Italien
her geboten werden oder von den Niederlanden.
Zu diesem tiefsten Grunde einer gebrochenen Entwicklung
kamen aber noch weitere Anlässe, die eine reiche Entfaltung
selbst des Unvollkommenen ausschlossen. Da war zunächst das
15. Jahrhundert an architektonischen Schöpfungen besonders
reich gewesen. Wie außerordentlich hatte doch damals auf den
Bausinn jene steigende Seelennot der Gläubigen gewirkt, die
sich nur durch große Stiftungen Beruhigung schaffen zu können
vermeinte! Wohin man daher im Beginn des 16. Jahr⸗
hunderts blickte, fand man für die kirchlichen Bedürfnisse aufs
reichlichste gesorgt: kaum daß hier und da noch an die Gründung
größerer Kirchen gedacht werden konnte. So kam es, daß der
Renaissancegrundriß der katholischen Kirche, wie ihn Leon
Battista Alberti ausgebildet hatte, erst durch die Jesuiten, und
auch durch sie erst im Jahre 1582 (gelegentlich des Baues der
Michaelskirche in München), nach Deutschland gebracht wurde.
Was aber den protestantischen Kult betraf, so benutzte dieser
zunächst die alten Gebäude und blieb sogar für deren innere
Umgestaltung zu Predigtkirchen in seinem Sinne noch weit über
die Zeit der eigentlichen Renaissance hinaus unsicher; in der
Durchbildung der Fassade aber machte ihm bei Neubauten
namentlich die Westfront solche Schwierigkeiten, daß er bis⸗
weilen in volle Abhängigkeit von der Architektur des Privat⸗
hauses geriet. Aber auch auf dem weltlichen Gebiete, das für
bie Architektur seit dem 16. Jahrhundert immer mehr in den
Vordergrund trat, wurden kaum Regeln begründet, die zu festen
Bautypen geführt hätten. So entwickelte sich z. B. selbst für das
bürgerliche Haus fast keine bestimmte Bauweise, und mindestens
wichen die etwa durchgebildeten Regeln in den einzelnen Städten
und Gegenden so sehr voneinander ab, daß keiner der vielen
allenfalls in Entwicklung begriffenen Typen in häufigerer Aus⸗
fuͤhrung zu vollendeter Durchbildung gelangte. Noch weniger