Die darstellenden und die bildenden Künste. J 287
Deutschland, welche niederländischem Einfluß ihre Durchführung
derbanken, mochte der Baumeister nun nur der Bildung nach
oder auch von Geburt den Niederlanden angehören.

Ganz im Vordergrunde stand hier anfangs die vlämische

Einwirkung. Man kann sie in zwei Richtungen verfolgen, deren
eine durch die Natur vorgeschrieben war: den Rhein hinauf,
und deren andere durch die größten geschichtlichen Zusammen—
hänge aus Hansezeiten her bedingt war: hin durch Norddeutsch⸗
land bis zur Ostsee. Der Weg rheinaufwärts wird, von kleineren
Deunkmalern abgesehen, vor allem durch die Vorhalle des Rat⸗
hauses in Köln und den Ottheinrichsbau des Heidelberger
Schlosses bezeichnet. Von ihnen ist der Ottheinrichsbau, in den
Jahren 1556— 1563 entstanden, mit seiner Freude an üppig
spielender Dekoration, in die freilich hier und da italienische
Erinnerungen einfließen, mit seinem reichen Statuenschmuck und
mit seiner flotten, einheitlichen Wirkung ein Denkmal wesentlich
plämischen Charakters: heute, da der spätere Bau des Winter⸗
königs zerstört und die wunderbaren Gartenanlagen Salomons
de Caus mit ihren Terrassen, Brunnen, Grotten, Labyrinthen
verschwunden sind, die hehrste Erinnerung an die einstige Pracht.
Die Vorhalle des Kölner Rathauses, 16691578 von dem
Koölner Meister Wilhelm Wernicke erbaut, kann in ihrer staunens⸗
werten Eurhythmie und ihrer in sich abgeschlossenen Vollendung
wohl als das schönste Denkmal deutscher Renaissancearchitektur
überhaupt gelten. Im übrigen machte der vlämische Einfluß
rheinaufwärts nicht in Heidelberg Halt. Wie in der Plastik
so ist er auch in der Baukunst weiter nach Süden, bis nach
München hin vorgedrungen. Gewiß macht sich hier im Grund⸗
riß der Residenz, in den axialen Beziehungen der einzelnen
Bauteile zueinander italienischer Charakter geltend, allein
daneben kommt in den Bauten Reiffenstuels und Pieter de
Wittes niederländische Auffassung zur Geltung.

Und fast noch stärker, wenn auch nicht in gleich vollendeten
Bauten, verzweigte sich die vlämische Kunst nach Osten. Hier
gehört ihr eine Anzahl von Schloßbauten in Westfalen und in
den Wesergegenden an, vor allem das herrliche Schloß Horst