288 — Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
bei Altenessen; hier findet sie sich wieder in dem Lettner des
Domes zu Hildesheim vom Jahre 1546, der den schönen
Mechelner Lettner zu St. Marien im Kapitol in Köln an
Ebenmaß und Reichtum noch übertrifft, und in dem großen
Portalbau der Universität Helmstedt; hier weisen in Schlesien
die wuchtigen Formen des Schloßportales zu Liegnitz und die
fazettierten Quadern des Einlaßtores im Schlosse zu Ols auf
sie hin; und hier zeigt sich ihr Charakter in Mecklenburg am
Bau des Fürstenhauses zu Wismar. In Danzig aber, nun
der großen Handelsrepublik des Ostens, wo Heinrich Holzapfel
von Köln 1531 das Gestühl im großen Saale des Artushofes
in vlämischem Stile schuf und Wilhelm van dem Blocke 1586
bis 1588 das Hohe Tor mit seinem reichen architektonischen
Schmucke versah, traf der vlämische Einfluß mit dem holländischen
zusammen, der inzwischen wie die skandinavischen Länder und
England so die deutsche Ost- und Nordseeküste zu erfüllen be—
gonnen hatte.

IV.
1. Ein Überblick über die innere Geschichte der Malerei
auf deutschem Boden während des Mittelalters ergibt ver⸗
hältnismäßig sehr einfache Entwicklungszüge!“. Wir lernen in
der Ornamentik etwa des ersten Jahrtausends unserer be—
glaubigten Geschichte eine Kunst kennen, die sich, bei allem
Raffinement ihrer teilweise sehr schwierigen Techniken, ästhetisch
dennoch mit einer rohen Wiedergabe nur der Umrisse der Er—
scheinungswelt begnügt, so daß schließlich, welchen Gegenstand
sie auch darstelle, sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze,
dieser nur in den wesentlichen charakterisierenden Umrißteilen,
d. h. ornamental wiedergegeben erscheint. Im Laufe der fünf
Jahrhunderte des eigentlichen Mittelalters können wir dann

Dieser Abschnitt ist schon gedruckt in der Deutschen Rundschau,
Bd. 28, S. 244272 (1901). Im übrigen val. rückareifend Deutsche
Geschichte, Bdo. 42, S. 288 ff.