290 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
konnte. So wurde denn dies Mittel schon früh ergriffen; seit
dem 183. Jahrhundert läßt sich deutlich bemerken, wie die Kunst
der Verkürzung verständnisvoll geübt, die Lehre der Linear⸗
perspektive praktisch gefunden und theoretisch verbreitet wird.
Zur ausreichenden Kenntnis der wichtigsten Handhaben auf
diesen Gebieten gelangte man freilich erst mit dem vollen
naturalistischen Erfassen des Konturs überhaupt, also im
15. Jahrhundert — in Italien liegen hier namentlich die Ver—
dienste des großen Architekten Brunelleschi sowie Albertis —,
und die volle Virtuosität in der Bewältigung schwierigster
Verkürzungs⸗ und Perspektivenprobleme war gar erst dem
18. Jahrhundert, dem Zeitalter des entwickelten Rokokos. vor⸗
behalten.

Inzwischen aber war man schon energisch dem zweiten,
fast noch wichtigeren Problem nachgegangen, das mit der Ver⸗
änderung der Belichtung entfernterer Gegenstände gegeben war.
Wie konnte man diese malerisch, zweidimensional zur Dar⸗
stellung bringen?

Das Problem enthielt in sich wiederum zwei für die Ge⸗—
samtlösung zunächst getrennt zu behandelnde Aufgaben: es
handelte sich um die Wiedergabe der Beleuchtung, welche
körperliche Gegenstände direkt erfahren, und um die Wiedergabe
der zwischen ihnen webenden freien Belichtung. Von ihnen
war die erste Aufgabe bei weitem leichter zu bewältigen, denn
hier half ganz anders deutlich als für die freie Belichtung ein
Element, das inzwischen in die Entwicklung frisch eingeschoben
worden war und von uns schon erwähnt worden ist: die natür—
liche Farbe.

Es ist klar, daß schon die bloße Ausfüllung der von den
Umrissen umschlossenen Räume durch diejenigen Farben, welche
der Färbung der umrissenen Gegenstände entsprachen, der Dar⸗
stellung für unsere Auffassung etwas ungleich mehr Körper—
haftes gibt, als die beste Umrißzeichnung dies zu tun vermag.
Und so kann als der erste Schritt auf dem Wege zur körper⸗
lichen Darstellung der Außenwelt außerhalb des perspektivischen
Zeichnens bis auf einen gewissen Grad schon das einfache Aus—⸗