Die darstellenden und die bildenden Künste. 291
tuschen gelten. Es war seit dem hohen Mittelalter völlig ent⸗
wickelt.

Doch fehlte diesen Tuschfarben noch zunächst jede Modellie—
rung. Es wurde also durch ihren Gebrauch im Grunde doch
nur das Flächenhafte hervorgehoben; das Körperhafte, Plastische
war noch immer der Ergänzung der Phantasie überlassen, wenn
diese auch durch die Lokalfarbe einen starken Anreiz zur
plastischen Auffassung erhielt. Dieser Anreiz wirkte nun weiter,
Iund eine wirkliche, wenn auch noch sehr rohe Modellierung
wurde versucht, indem man die in sich noch gleichmäßige Lokal⸗
farbe differenzierte, ihr weiße Töne zusetzte, ja sie wohl gar
bis ins reine Weiß übergehen ließ, da, wo der dargestellte
Gegenstand dem betrachtenden Auge näher war, ihr Schwarz
zumischte, wo das Gegenteil vorlag. So entstand eine
Modellierung einerseits von weißen, auch wohl grauen und
gelblichen Lichtern, gelegentlich im Sinne der modernen
Changeantstoffe auch von Lichtern in den Komplementärfarben,
und anderseits von dunklen, bis ins Tiefschwarze gehenden
Schatten. Es ist die Modellierung, die schon das ganze
15. Jahrhundert in steigender Vervollkommnung angewandt
hat, und deren sich noch Raffael und Michelangelo, Holbein
uͤnd Dürer, überhaupt die Adealisten der Renaissancemalerei
bedient haben.

Aber war hier nun bloß noch von Farbe die Rede? War
nicht mit der Modellierung, mochte sie selbst noch so roh sein,
alsbald das Problem der Bewältigung des Lichtes in Angriff
genommen? Kein Zweifel: indem man ins Weiße und in ver⸗
wandte Farben modellierte, setzte man Lichter auf, brachte man
die körperhaften Erscheinungen des Bildes unter Beleuchtung.
Und da mußte sich denn, bei intensiverer Betrachtung der
natürlich⸗ malerischen Phänomene, sehr bald ergeben, daß das
Licht nicht auf die Körper begrenzt sei, daß es sich auch zwischen
diefen, ein alles verbindendes Element, befinde, und daß mit—
hin auf seiner außerkörperlichen Gegenwart vor allem der
malerische Zusammenhang der Dinge beruhe.

Es waͤr eine Erkenntnis, die zur Aufnahme des Tones,

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