292 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
eines gemeinsamen goldigen oder silbrigen, klaren oder duftigen
Lichtcharakters für alle Farben eines Gemäldes führte. In
diesem Sinne ist der Ton, wenn auch unvollkommen, zunächst
von den Niederländern des 15. Jahrhunderts, vornweg von
den van Eycks, geschaffen worden; braungoldig, entsprechend
einer in der blämischen Landschaft auch heute nicht seltenen
Stimmung, und silbern⸗duftig, ja weißlich, ist er eine seit dem
landschaftlichen Teile des Genter Altarbildes häufige, wenn⸗
gleich nicht allgemein eingeführte Erscheinung. Vollendet ent⸗
ickelt aber wird der Ton nicht so sehr in den Niederlanden,
im Küstenland der Nordsee, wie an den Gestaden der Adria,
in Venedig. Hier verband der alternde Giovanni Bellini, wie
er auf den Schultern der Schule von Murano stand, die
Einzelpartien seiner Gemälde zuerst vollkommen durch eine dem
sonnigen Duft der Lagune nachgebildete hellgoldige Tönung,
und in seiner Weise fuhren Giorgione und Tizian wie fast alle
späteren Venezianer fort.

War aber damit schon der volle Zauber der belichteten
Luft in die Malerei eingeführt? War die Luft schon zur
Durchführung der Raumtiefe des Dargestellten ausgenutzt?
Offenbar nicht; sie war ja selbst bisher nicht als mit Tiefen⸗
dimension ausgestattet angesehen und demgemäß nachgeahmt
worden; wie ein feiner, über dem Gemälde lagernder, an dessen
Tiefenwirkung aber grundsätzlich unbeteiligter Schleier viel⸗
mehr, wie ein mechanisch verbindendes Pigment ward sie
empfunden.

In Wirklichkeit ist sie aber nicht so beschaffen. Vielmehr
besteht sie aus Luftschichten, die sich in die Tiefe hinein auf⸗
einanderfolgen, und deren jede nicht bloß direkt beleuchtet oder
beschattet, sondern außerdem mit den Widerscheinen angefüllt
ist, in denen das Licht von den begrenzenden farbigen Körpern
in den Raum hin ausstrahlt. Demgemäß wächst die Summe
dieser Widerscheine nach der Tiefe zu, und sie gibt daher der
Luft, je mehr diese der Tiefe angehört, um so mehr einen
besonderen farbigen Charakter, der sich aus dem Effekt aller
vorhandenen Widerscheine zusammensetzt.