Die darstellenden und die bildenden Künste. 293
Und für diesen Charakter sind nun zwei Möglichkeiten
denkbar. Nämlich entweder gehören die Luftschichten, die sich
in die Tiefe ausdehnen, einem geschlossenen Raume an, oder
sie erstrecken sich in die ungemessenen Weiten des Himmels.
Im letzteren Falle sind sie ganz von den, je weiter die Aus⸗
dehnung sich erstreckt, um so mehr summierten Reflexen der in
der Luft suspendierten Nebeltroͤpfchen erfüllt und erscheinen
darum, je tiefer und gesättigter, um so blauer. Es ist der
einfachere, schon sehr früh von den Malern beobachtete Fall;
eine primitive Luftperspektive hat ihm mindestens seit dem
15. Jahrhundert gerecht zu werden gesucht, ohne daß es doch
bis zum Ausgange der uAltniederländischen Malerei wie bis
zum Verfall der großen binnendeutschen Idealkunst der Re⸗
formationszeit (Holbein und Dürer) zu einer befriedigenden
Lösung des Problems gekommen wäre.

Daneben steht dann aber der auf den ersten Blick an⸗
scheinend verwickeltere Fall, daß die Luft die des geschlossenen
Raumes ist. In diesem Falle wird sie nach der Tiefe zu
dunkler und ist doch zugleich von den Lichtreflexen erfüllt, die,
von den Körpern ausgehend, in ihr sich kreuzen, und so ent—
steht ein geheimnisvolles Helldunkel, dessen volles Verständnis,
—0 Wahrnehmung schon eine sehr intensive
Betrachtung und ein malerisch besonders geschultes Auge voraus⸗
setzt. Dies alles selbst dann, wenn die Lichtquelle, von der die
Reflexe ausgehen, im Sinne der ganzen älteren Malerei vor
der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht als unendlich weit ent⸗
fernt, ihre einzelnen Strahlen mithin nicht als völlig parallel
einfallend angeschaut werden, sondern vielmehr im Sinne des
16. bis 18. Jahrhunderts als von einer nahen Lichtquelle aus⸗
gehend, somit als kegelförmig in irgendwelchem Winkel zu⸗
einander einfallend, und deshalb nur einseitia und grell be⸗
leuchtend erscheinen.

Die Ahnung dieses Helldunkels ist die letzte entwicklungs⸗
geschichtliche Tatsache der Malerei der deutschen Reformations⸗
zeit, sein genaueres Verständnis aber und seine geniale Wieder⸗
gabe die letzte genetische Tatsache der gleichzeitigen italienischen