294 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Malerei gewesen. In Deutschland waren es Mathias Grüne—
wald, der Meister des Thomasaltares, Lukas Cranach in seiner
früheren Zeit und Hans Baldung, die in phantastischen Ver—
suchen auf die Entdeckung des Helldunkels ausgingen“; in
Italien eroberte Correggio (f 1534) in klarem Verständnis
wenigstens die wichtigsten Teile des neuen Gebietes.

In Correggios Bildern lebt die Erscheinungswelt in einem
vornehmlich durch Lasierung aufs feinste abgestuften Wechsel
von reflexreichen Schatten, die nur hier und da, in leisem Über—
gange vom Dunkeln zum Hellen, durch in weiser Komposition
berteilte Partien hellen, gelblichen, aber in sich wiederum nicht
oöllig schattenlosen, stark impastierten Lichtes unterbrochen sind,
eines Lichtes, das freilich nicht das der Natur schlechthin ist,
sondern auf einer vom Maler willkürlich gewählten Anordnung
von Lichtquellen zu beruhen pflegt, so daß vornehmlich infolge
dieser künstlichen Lichtführung ein Stil harmonisch beleuchteter
oder beschatteter Flächen, überhaupt ein idealer Wechsel des
Lichtes und des Schattens und eine künstliche Tiefe und Ver—
breitung des Helldunkels geschaffen wird?.

Es ist ein Verfahren, das die spätere italienische Malerei
dann zum Teil vergröbert und übertrieben hat; so gab z. B.
Caravaggio den Licht- und Schattenpartien seiner Gemälde nie
zuvor gesehene Kontraststärken, indem er das Licht in einem
einzigen Strahl von sehr hoch einfallen ließ und dadurch un—
gemein ausgedehnte und wirksame Schatten erzeugte, aus denen
die beleuchteten Partien fast aufdringlich hervortreten.

Sehen wir aber von den späteren Zeiten der italienischen
Malerei jetzt rückwärts auf die ersten Jahrzehnte des 16. Jahr—
hunderts, jene unendlich fruchtbare klassische Zeit der italieni—
schen Kunst, so finden wir damals in Italien drei Malweisen
nebeneinander in Gebrauch: einmal die Raffaels und Michel—⸗
angelos, die die Tiefenwirkung noch durch Belichtung und Be—
1Vergl. Deutsche Geschichte, Bd. V2, S. 208 ff.

ꝰ Das Prinzip ist schon deutlich erkannt von Mengs, Betrachtungen
über die drei großen Maler Raffael, Correggio, Tizian und die Alten.
Kap. III, 8 3.