298 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
rasch den freiesten Zielen der Kunst zustrebte und eine Höhe
erreichte, die ihrer entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung nach
—D— deren
Charakter sich im ganzen umübertroffen erhalten hat bis etwa
zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Entwicklung der deutschen Tafelmalerei hatte um die
Wende des 14. und 15. Jahrhunderts am verheißungsreichsten
zu Köln und am Niederrhein eingesetzt. Aber schon nach dem
Meister des Kölner Dombildes, spätestens um die Mitte des
15. Jahrhunderts, hatte Köln die Führung verloren, war diese
auf die Niederlande übergegangen. Dann hat freilich die nieder⸗
rheinische Schule, von den niederländischen dauernd beeinflußt,
um die Wende des 15. Jahrhunderts und in den ersten Jahr—
zehnten des 16. Jahrhunderts noch eine glänzende Nachblüte
— DDDD———
sie damals allgemein eintraten, zeigten ihr leuchtendstes Abendrot
doch wieder in den Niederlanden, vor allem in den vlämischen
Gegenden, in Antwerpen.

Hier war, wie in Holland Lucas von Leiden (1492 bis
1533), Quentin Massijs (1460- 1531) der letzte große Meister.
Beide charakterisiert, und zwar Lucas sowohl in seinen kleinen
Bildern wie auch in dem großen Jüngsten Gericht zu Leiden,
gegenüber ihren Vorgängern ein besonders heller, frischer Ton,
den sie aus den Landschaften der alten Niederländer nun in
den Vordergrund ziehen, während allerdings Massijs den Hinter⸗
grund gern dunkler hält; es ist, als sollte damit durch ein
außeres Mittel die fehlende innere Jugendlichkeit ersetzt werden!.
Denn bei genauerem Eingehen auf die reiche Produktion
namentlich des Massijs zeigen sich doch alle Spuren einer
aushallenden Richtung: eine raffinierte Technik, die bis zu
atlasartigen Reflexen im Fleische geht und sich in kleinen
ünsten, z. B. in dem Experiment, Schleier über dem Nackten
zu malen, gefällt; eine virtuose Beherrschung der hergebrachten

Tradition des Figürlichen wie des Landschaftlichen und dennnoch,

Veral. Deutsche Geschichte, Bd. IV2, S. 2092.