Die darstellenden und die bildenden Künste. 299
bei aller Fähigkeit, jegliches im Charakter der einmal erreichten
Ausdrucksmittel zu malen, eine innere Leere, eine inhaltliche
Gemachtheit. So war es klar: auf dem alten Wege war im
Grunde nicht mehr weiter zu gelangen.

Aber gleichzeitig hatten die Italiener den neuen Pfad
intensiverer Wiedergabe der Körperlichkeit schon mit Erfolg be—
schritten! Und man lebte in den Jahrzehnten des unaufhalt⸗
samen Vordringens der südlichen Renaissance nach Zentraleuropa!
Da war denn keine Wahl: wollte man in den Niederlanden
vorwärts, so konnte man sich weder dem Einflusse der all⸗
gemeinen Kulturbedingungen noch der Wirkung der neuen Dar—
stellungsmittel der Italiener entziehen.

Freilich nicht auf einmal wurde beides aufgenommen. Bei
Lucas von Leiden finden sich wohl in späteren Jahren zu—
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Nackten überhaupt, italienische Architektur, aber den malerischen
Ausdrucksmitteln der Italiener ist der Meister gleichwohl
ferngeblieben. Hierauf ging, neben der Aufnahme der all⸗
gemeinen Renaissancekultur, erst eine etwas spätere Generation
niederländischer Maler seit etwa 18520 einigermaßen ein;
Gossaert (ca. 1470 1582) vornehmlich im Süden, im Norden
vor allem der kunstbegabte Utrechter Domherr Jan van Scorel
(1495- 1562). Von ihnen ist Gossaert der Liebenswürdigere;
er verläßt auch keineswegs schon ganz die niederländischen
Traditionen, macht im Gegenteil in einer später von ihm ein⸗
geschlagenen Richtung zu deren weiterer Entwicklung einige,
wenn auch schüchterne und verfrüht bleibende Schritte, drängt
das Zeichnerische der alten Schulen zurück, nähert sich durch
Vertreibung der scharfen Umrisse einem allgemeinen Ton und
erreicht diesen Eindruck fast noch mehr durch ungemein weiche
Führung des Pinsels!. Demgegenüber lehnt sich Scorel, ab—
gesehen von seinen Porträts, im allgemeinen enger an die
Italiener, vor allem Raffael an, freilich auch nicht, ohne in

1Man vergl. z. B. sein Bild „Lucas die Jungfrau mit dem Jesus—
kind malend“ im Haager Museum.